Die kleine Stadt liegt am Fusse der gewaltigen
Tafelberge Puig d´Alaró und S´Alcadena. Sie gehören
zu den beeindruckensten Erscheinungen der Serra de Tramuntana. Welche
Triebkräfte die Natur im Jungtertiär, also vor 15 bis 20 Millionen
Jahren, dazu veranlasste, die steinernen Zwillingsklötze in dieser
Formation zu erschaffen, entzieht sich der menschlichen Vorstellungskraft.
Die Kalkwände der beiden Felskolosse stürzen an manchen Stellen
bis 200 Meter jäh in die Tiefe. Hat die Natur ein solches Wunder
vollbracht, so entstehen um diesen Ort unweigerlich Sagen und Fabeln.
Die Rondaies Mallorquines, die erstmals im Auftrag von Erzherzog
Ludwig Salvator niedergeschrieben worden sind, berichten von Vollmondnächten,
in denen Hexen einen seidenen Faden von einem Berg zum anderen spinnen.
Darauf sollen sie dann nächtens wilde Tänze aufgeführt
haben. Es gibt noch viele Legenden, die sich um das Castell von Alaró
ranken. Denn die Wahrheit über die Erbauer der mächtigen Felsfestung
verlor sich im Nebel der Jahrhunderte.
Die Geschichte der Kommune, die heute rund 4000 Einwohner hat,
ist eng mit der des Castell d´Alaro verbunden. Die weissen Gebäude
und die langgestreckte Ruine sind von weither sichtbar. Mancher Reisende
wird schon aus der Luft, während der Flieger noch seine Warteschlaufen
über Son Sant Joan dreht, auf die Burg aufmerksam. Aus arabischer
Zeit gibt es bereits Hinweise auf eine Festung namens `Hisn Alarun´.
In der Nähe von zwei Quellen, Son Artigues und Bastida, sind die
ersten Häuser des späteren Dörfchens Alaró errichtet
worden. Die Quelle Son Artigues versorgt noch heute das kleine Städtchen
mit Wasser. Das Mineralwasser von Bastida ist über die Grenzen Mallorcas
hinaus bekannt. Der Name des Ortsteil Ses Rotes weist darauf hin, dass
dort die Köhler mit ihrem Familien wohnten, noch bevor der eigentliche
Ort entstanden ist. Sie unterhielten ihre kokelnden Holzmeiler, die Sitjes,
auf den Terrassen der beiden Hausberge.
Der Ortsteil Los d´Amunt ist geprägt von kleinen Häusern,
deren Fassaden aus Naturstein errichtet sind. Sie schmiegen sich eng aneinander
und scheinen von aussen eher unscheinbar. Doch wer den Cami de Vela am
westlichen Ortsende entlang schlendert, sieht die Rückseite der Häuserzeile.
Dort bietet sich dem neugierigen Betrachter ein intimer Einblick in eine
verwinkelte, dörfliche Gemeinschaft, die mit ihren farbigen und pittoresken
Vielfalt das mediterrane Lebensgefühl auffängt. Der Ortskern
von Los d´Amunt bildet eine beschauliche Plaça, die nach
den Märtyrern, Cabrit i Bassa, benannt ist. Ihre sterblichen Überreste
sind in der Kathedrale von Palma aufgebahrt. Der Torrent de na Marranxa,
an dessen Seiten in den Wintermonanten die Orangenbäume dicht an
dicht mit Früchten behängt sind, trennt die Oberstadt von der
Unterstadt, Los d´Avall genannt. Dieser Teil der Kommune stellt
sich eher bürgerlich dar. Um die Kirche, die dem Sant Bartolome geweiht
ist, entstanden im Laufe der Jahre Häuser mit teilweise grossbürgerlichem
Charakter. In regelmässigen Zeittakt meldet sich die Glocke vom Kirchenturm.
Die Alaronenses hören von dort, wem die Stunde geschlagen hat; ihr
Klang lädt aber auch regelmässig zu Messen und zu Trauungen
ein.
Dorf und Landschaft
Die Gemeindefläche von Alaró umfasst annähernd
50 Quadratkilometer. Die Mandelbaum- und Johannisbrotplantagen sowie
die Mischwälder in den Bergen gehören zu den umliegenden
Possessionen. Eine der grössten ist das Landgut Solleric im
Tal von Orient. Dagegen liegen Son Fortesa, Son Gran, Son Pere Antoni
und C´an Sec an der alten Strasse nach Lloseta. Aber auch
die Cases vom Puig de S´Alcadena zählen zur Gemeinde.
Die herrschaftlichen Häuser sind zu Objekten der Begierde verkommen,
während die marode Landwirtschaft auch mit EU-Subventionen
nur mühsam existieren kann. Die Possessionen waren früher
autonome Selbstversorger und belieferten Alaró zudem mit
Nahrungsmitteln. Die Bauern beluden immer samstags ihre von Mulis
gezogenen Karren mit Eiern, Kartoffeln, Gemüse und Salat und
fuhren über die holprigen Strassen ins Dorf. Der Wochenmarkt
fand in dem kleinen Städtchen einst sonntags statt. Sie übernachteten
im Gasthof Ca´n Tiu auf Pritschenlagern. Am Sonntag morgen
bauten sie auf der Plaça ihre Stände auf. Dort deckten
sich auch die kleinen Läden, die Colmados, mit Waren des täglichen
Bedarfs ein. Mandeln und Johannisbrot lieferten die Bauern im Ca´n
Bou ab, einer der wenigen Gemischtwarenläden des Dorfes, der
noch heute existiert und in dem es von Mottenkugeln über Fliegenklatschen
so ziemlich alles zu kaufen gibt, was im Haushalt gebraucht wird.
Zu den reichsten Possessionen zählt Es Verger. Sie liegt
auf halbem Wege zum Castell de Alaró. Die Ansiedelung ist
auf der ganzen Insel durch seine Lammschultern bekanntgeworden.
Deren Duft und Geschmack nimmt so mancher Urlaubsgast gemeinsam
mit der Erinnerung an den überwältigenden Blick hinab
in die Ebene mit nach Hause. Lorenzo schiebt die Paletillas de cordero
jeden Morgen in den Holzbackofen. Er stammt aus Escorca und arbeitet
seit 60 Jahren auf dem Feld und als Wirt. Francisca stammt aus Santa
Eugènia. Die einfache Gaststätte wird unterdessen in
jedem Reiseführer als ,,Geheimtip genannt. Doch erst
seit 15 Jahren ist die Bewirtung in der Possession `Es Verger´
untergebracht. Zuvor befand sie sich einige Terrassen höher
auf dem Sattel kurz vor dem Aufstieg zum Castillo. Damals waren
die Mallorquiner in dem eher schäbigen Merendero unter Wellblechdächern
noch unter sich. Heute strömen vor allem im Winter an Sonn-
und Feiertagen die Domingeros und Touristen gleichermassen die holprige
Fahrstrasse zum Restaurant empor. Die Parkplätze auf den engen
Terrassen werden dem Ansturm kaum gerecht.
Moderne Zeiten
Während es in Katalunien schon in vielen Dörfern
ab 1875 elektrischen Strom gab, dauerte es auf Mallorca länger.
Die ersten Versuche, Palma mit elektrischem Strom auszustatten,
stiessen bei den Stadtvätern auf Desinteresse. So kam das kleine
Dorf am Fusse des Castells der Hauptstadt zuvor. Caspar Perelló
war Besitzer einer Seifenfa- Denn dann ziehen die Kids mit ihren
Haustieren an Don Sebastiá vorbei, der die Vierbeiner vor
der Kirche segnet. Er ist seit vielen Jahren Dorfpfarrer und ein
Fan des Fussballclubs Real Mallorca. Düstere Prozessionen begleiten
die Karwoche. Die Trommler der cofradias haben die Dörfler
schon Wochen zuvor mit ihrem monotonen Schlag-Rhythmen genervt.
Voller Frohmut und Frische zeigt sich dann der Ostersonntag. Dann
trägt eine Gruppe von Männern die Mare de Deu auf ihren
Schultern, eine andere den gekreuzigten Christus. Sie treffen sich
an der Strassenkreuzung nach Orient. Frühaufsteher und Spätheimkehrer
aus den Bars begleiten die Prozession. Beim Encuentro, der Zusammenkunft
der beiden Statuen, spendet die Menge frenetischen Applaus. Die
Blaskapelle spielt noch immer die spanische Nationalhymne, der Zug
bewegt sich der Kirche zu und so einige begehen den höchsten
Festtag im Kirchenjahr mit den Freunden in einer der Bars.
Die beiden Ortsteile von Alaró feiern gleich zwei
Dorffeste. Los d´Amunt begeht am 29. Juni den Tag des Sant
Pere. Dann gleicht die kreisrunde Plaça mit dem grossflächigen
Dach aus im Wind rauschenden Papiergirlanden einem Zirkuszelt.
Los d´Avall feiert am 16. August eine Woche lang Sant
Roc, der das Dorf von der Pest befreit haben soll. Verschiedene
Musikgruppen spielen nächtens lautstark auf. Während des
Höhepunkts der sommerlichen Hitze verlegen die Alaroneses ihren
Lebenmittelpunkt auf die Strassen.
In den Stadtarchiven ist im 14. Jahrhundert erstmals die
Tanzgruppe der Cossiers verzeichnet. Seit einigen Jahren hat das
Dorf diesen alten Brauch wiederaufleben lassen. Es handelt sich
um weissgekleidete Männer, die Mützen mit Blumenbuquets
tragen. Einer von ihnen hält einen Fächer und ein Taschentuch,
er stellt die dama dar. Die Gruppe wird von zwei Teufeln in dämonischen
Masken verfolgt. Die musikalische Begleitung übernehmen Flötenspieler,
die gleichzeitig trommeln und ein Musiker, der die Xeremia, ein
mit dem Dudelsack eng verwandtes Instrument, spielt.
Der Alltag
Doch in Alaró wird natürlich nicht nur gefeiert.
Wenn in den Bars des Dorfes um 6 Uhr morgens die Kaffeemaschinen
in Betrieb gesetzt werden, stellen sich auch gleich die ersten Gäste
ein. Meist Arbeiter, die von der spanischen Halbinsel stammen und
auf den Transport zur nahe gelegenen Baustelle warten. Später
dann kommen diejenigen auf einen schnellen Kaffee, die sich für
ihren Weg zur Arbeit munter machen. Kurz vor neun ziehen gemächlich
die Mütter an den Bars vorbei, die ihre Kinder in die zwei
Schulen des Dorfes begleiten. Sind die Kids abgeliefert, treffen
sich die Frauen zu einem Plausch in den Bars. Wer 14 ist und einen
motorisierten Untersatz hat, düst schon morgens mit grossem
Getöse in Richtung Schule. Sofort nach Unterrichtsschluss steigen
die pubertierenden pickligen Jungs auf den heissen, frisierten Hocker
und machen die ansonsten so friedlichen Strassen des Dorfes unsicher.
So mancher gehbehinderte Ruheständler traut sich dann nicht
mehr nach draussen und zieht es vor, den Nachmittag am Kamin des
Hauses zu verbringen.
Der Zubringer, der von der Autobahn Palma-Inca nach Alaró
führt, ist seit Herbst 2000 fertiggestellt. Schon jetzt droht
das kleine Städtchen unter der Flut der Blechlawine zu ersticken.
Die kleinen, winkligen Verkehrswege sind zugeparkt. Während
die Strassen früher Orte der Begegnung waren und den Kindern
Platz zum Spielen boten, gehören sie heute denen, die auch
noch die kürzesten Strecken mit Fahrzeugen zurücklegen.
Der Gemeindeverwaltung wird nur noch übrigbleiben, das Dorf
für den Durchgangsverkehr zu sperren und gebührenpflichtige
Parkzonen einzurichten. Erst dann werden die Mallorquiner über
das kleine Städtchen am Fusse seiner Zwillingsberge wieder
sagen können: Alaró, es un poble molt tranquil - Alaró
ist ein sehr ruhiges Dorf.
Elektrizität
Am 15. August 1901, am Vorabend des Festes des Schutzpatron
des Dorfes, San Roc, wurde mit einem grossen Fest die Elektrifizierung
des Dorfes gefeiert. Noch heute macht die Geschichte die Runde,
dass es an dem Tag zu einer Messerstecherei gekommen sei. Gleich
am Orteingang stehen auf der rechten Seite die übriggebliebenen
Reste eines grossen Kamins des alten, mit Kohle betriebenen Elektritätswerks.
Schuhfabriken
Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden in Alaró
die ersten Schuhwerkstätten, in denen die Sabaters arbeiteten.
Mit dem elektrischen Strom konnten ihre Näh- und Stanzmaschinen
für Leder schneller betrieben werden. Die Schreiner fertigten
die Leisten an, die Payeses lieferten gegerbte Schaf- und Ziegenhäute.
Der Export nach Amerika, vor allem aber nach Kuba, florierte. Im
Jahre 1955 existierten noch über 50 kleinere und mittlere Fabrikationsbetriebe.
Frauen und Männer arbeiteten in den Manufakturen. Auch in den
einstöckigen Häusern des Dorfes ratterten zu allen Tages-
und Nachtzeiten die Ledernähmaschinen. Die Frauen fügten
in Heimarbeit Einzelteile zusammen, die am Freitag in den Betrieben
abgeliefert wurden. Ab Mitte der 80er Jahre standen die Maschinen
jedoch still. Die US-amerikanischen Abnehmer wichen auf billigere
Erzeugerländer wie Portugal und Brasilien aus.
Brauchtum und Festkultur
Die Alaronenses verstehen sich aufs Feste feiern. An Silvester treffen
sie sich kurz vor Mitternacht mit Cava und Trauben, um dann gemeinsam
auf den Beginn des neuen Jahres anzustossen. Nun gibt es zum Jahrtausendwechsel
sogar ein Feuerwerk auf der Plaça vor der Kirche. Am Vorabend
zum Namenstag des Sant Antonio schichten die Inhaber der insgesamt
16 Barbetriebe riesige Berge von Holz auf und laden zur Torrada
an der Glut ein. Während die Revetla mit dämonischen Höllenzauber
gefeiert wird, ist der 17. Januar eher ein Kinderfest.
Quelle: LEBEN auf den Balearen Die
Zeitschrift in deutscher Sprache