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 Alaro
 
 
 © Klaus Siepmann    
Puig d´Alaró - Alaró - S´Alcadena  
Die kleine Stadt liegt am Fusse der gewaltigen Tafelberge Puig d´Alaró und S´Alcadena. Sie gehören zu den beeindruckensten Erscheinungen der Serra de Tramuntana. Welche Triebkräfte die Natur im Jungtertiär, also vor 15 bis 20 Millionen Jahren, dazu veranlasste, die steinernen Zwillingsklötze in dieser Formation zu erschaffen, entzieht sich der menschlichen Vorstellungskraft. Die Kalkwände der beiden Felskolosse stürzen an manchen Stellen bis 200 Meter jäh in die Tiefe. Hat die Natur ein solches Wunder vollbracht, so entstehen um diesen Ort unweigerlich Sagen und Fabeln.

Die Rondaies Mallorquines, die erstmals im Auftrag von Erzherzog Ludwig Salvator niedergeschrieben worden sind, berichten von Vollmondnächten, in denen Hexen einen seidenen Faden von einem Berg zum anderen spinnen. Darauf sollen sie dann nächtens wilde Tänze aufgeführt haben. Es gibt noch viele Legenden, die sich um das Castell von Alaró ranken. Denn die Wahrheit über die Erbauer der mächtigen Felsfestung verlor sich im Nebel der Jahrhunderte.

Die Geschichte der Kommune, die heute rund 4000 Einwohner hat, ist eng mit der des Castell d´Alaro verbunden. Die weissen Gebäude und die langgestreckte Ruine sind von weither sichtbar. Mancher Reisende wird schon aus der Luft, während der Flieger noch seine Warteschlaufen über Son Sant Joan dreht, auf die Burg aufmerksam. Aus arabischer Zeit gibt es bereits Hinweise auf eine Festung namens `Hisn Alarun´. In der Nähe von zwei Quellen, Son Artigues und Bastida, sind die ersten Häuser des späteren Dörfchens Alaró errichtet worden. Die Quelle Son Artigues versorgt noch heute das kleine Städtchen mit Wasser. Das Mineralwasser von Bastida ist über die Grenzen Mallorcas hinaus bekannt. Der Name des Ortsteil Ses Rotes weist darauf hin, dass dort die Köhler mit ihrem Familien wohnten, noch bevor der eigentliche Ort entstanden ist. Sie unterhielten ihre kokelnden Holzmeiler, die Sitjes, auf den Terrassen der beiden Hausberge.

Der Ortsteil Los d´Amunt ist geprägt von kleinen Häusern, deren Fassaden aus Naturstein errichtet sind. Sie schmiegen sich eng aneinander und scheinen von aussen eher unscheinbar. Doch wer den Cami de Vela am westlichen Ortsende entlang schlendert, sieht die Rückseite der Häuserzeile. Dort bietet sich dem neugierigen Betrachter ein intimer Einblick in eine verwinkelte, dörfliche Gemeinschaft, die mit ihren farbigen und pittoresken Vielfalt das mediterrane Lebensgefühl auffängt. Der Ortskern von Los d´Amunt bildet eine beschauliche Plaça, die nach den Märtyrern, Cabrit i Bassa, benannt ist. Ihre sterblichen Überreste sind in der Kathedrale von Palma aufgebahrt. Der Torrent de na Marranxa, an dessen Seiten in den Wintermonanten die Orangenbäume dicht an dicht mit Früchten behängt sind, trennt die Oberstadt von der Unterstadt, Los d´Avall genannt. Dieser Teil der Kommune stellt sich eher bürgerlich dar. Um die Kirche, die dem Sant Bartolome geweiht ist, entstanden im Laufe der Jahre Häuser mit teilweise grossbürgerlichem Charakter. In regelmässigen Zeittakt meldet sich die Glocke vom Kirchenturm. Die Alaronenses hören von dort, wem die Stunde geschlagen hat; ihr Klang lädt aber auch regelmässig zu Messen und zu Trauungen ein.


Dorf und Landschaft

Die Gemeindefläche von Alaró umfasst annähernd 50 Quadratkilometer. Die Mandelbaum- und Johannisbrotplantagen sowie die Mischwälder in den Bergen gehören zu den umliegenden Possessionen. Eine der grössten ist das Landgut Solleric im Tal von Orient. Dagegen liegen Son Fortesa, Son Gran, Son Pere Antoni und C´an Sec an der alten Strasse nach Lloseta. Aber auch die Cases vom Puig de S´Alcadena zählen zur Gemeinde. Die herrschaftlichen Häuser sind zu Objekten der Begierde verkommen, während die marode Landwirtschaft auch mit EU-Subventionen nur mühsam existieren kann. Die Possessionen waren früher autonome Selbstversorger und belieferten Alaró zudem mit Nahrungsmitteln. Die Bauern beluden immer samstags ihre von Mulis gezogenen Karren mit Eiern, Kartoffeln, Gemüse und Salat und fuhren über die holprigen Strassen ins Dorf. Der Wochenmarkt fand in dem kleinen Städtchen einst sonntags statt. Sie übernachteten im Gasthof Ca´n Tiu auf Pritschenlagern. Am Sonntag morgen bauten sie auf der Plaça ihre Stände auf. Dort deckten sich auch die kleinen Läden, die Colmados, mit Waren des täglichen Bedarfs ein. Mandeln und Johannisbrot lieferten die Bauern im Ca´n Bou ab, einer der wenigen Gemischtwarenläden des Dorfes, der noch heute existiert und in dem es von Mottenkugeln über Fliegenklatschen so ziemlich alles zu kaufen gibt, was im Haushalt gebraucht wird.

Zu den reichsten Possessionen zählt Es Verger. Sie liegt auf halbem Wege zum Castell de Alaró. Die Ansiedelung ist auf der ganzen Insel durch seine Lammschultern bekanntgeworden. Deren Duft und Geschmack nimmt so mancher Urlaubsgast gemeinsam mit der Erinnerung an den überwältigenden Blick hinab in die Ebene mit nach Hause. Lorenzo schiebt die Paletillas de cordero jeden Morgen in den Holzbackofen. Er stammt aus Escorca und arbeitet seit 60 Jahren auf dem Feld und als Wirt. Francisca stammt aus Santa Eugènia. Die einfache Gaststätte wird unterdessen in jedem Reiseführer als ,,Geheimtip” genannt. Doch erst seit 15 Jahren ist die Bewirtung in der Possession `Es Verger´ untergebracht. Zuvor befand sie sich einige Terrassen höher auf dem Sattel kurz vor dem Aufstieg zum Castillo. Damals waren die Mallorquiner in dem eher schäbigen Merendero unter Wellblechdächern noch unter sich. Heute strömen vor allem im Winter an Sonn- und Feiertagen die Domingeros und Touristen gleichermassen die holprige Fahrstrasse zum Restaurant empor. Die Parkplätze auf den engen Terrassen werden dem Ansturm kaum gerecht.

Moderne Zeiten

Während es in Katalunien schon in vielen Dörfern ab 1875 elektrischen Strom gab, dauerte es auf Mallorca länger. Die ersten Versuche, Palma mit elektrischem Strom auszustatten, stiessen bei den Stadtvätern auf Desinteresse. So kam das kleine Dorf am Fusse des Castells der Hauptstadt zuvor. Caspar Perelló war Besitzer einer Seifenfa- Denn dann ziehen die Kids mit ihren Haustieren an Don Sebastiá vorbei, der die Vierbeiner vor der Kirche segnet. Er ist seit vielen Jahren Dorfpfarrer und ein Fan des Fussballclubs Real Mallorca. Düstere Prozessionen begleiten die Karwoche. Die Trommler der cofradias haben die Dörfler schon Wochen zuvor mit ihrem monotonen Schlag-Rhythmen genervt. Voller Frohmut und Frische zeigt sich dann der Ostersonntag. Dann trägt eine Gruppe von Männern die Mare de Deu auf ihren Schultern, eine andere den gekreuzigten Christus. Sie treffen sich an der Strassenkreuzung nach Orient. Frühaufsteher und Spätheimkehrer aus den Bars begleiten die Prozession. Beim Encuentro, der Zusammenkunft der beiden Statuen, spendet die Menge frenetischen Applaus. Die Blaskapelle spielt noch immer die spanische Nationalhymne, der Zug bewegt sich der Kirche zu und so einige begehen den höchsten Festtag im Kirchenjahr mit den Freunden in einer der Bars.

Die beiden Ortsteile von Alaró feiern gleich zwei Dorffeste. Los d´Amunt begeht am 29. Juni den Tag des Sant Pere. Dann gleicht die kreisrunde Plaça mit dem grossflächigen Dach aus im Wind rauschenden Papiergirlanden einem Zirkuszelt.

Los d´Avall feiert am 16. August eine Woche lang Sant Roc, der das Dorf von der Pest befreit haben soll. Verschiedene Musikgruppen spielen nächtens lautstark auf. Während des Höhepunkts der sommerlichen Hitze verlegen die Alaroneses ihren Lebenmittelpunkt auf die Strassen.

In den Stadtarchiven ist im 14. Jahrhundert erstmals die Tanzgruppe der Cossiers verzeichnet. Seit einigen Jahren hat das Dorf diesen alten Brauch wiederaufleben lassen. Es handelt sich um weissgekleidete Männer, die Mützen mit Blumenbuquets tragen. Einer von ihnen hält einen Fächer und ein Taschentuch, er stellt die dama dar. Die Gruppe wird von zwei Teufeln in dämonischen Masken verfolgt. Die musikalische Begleitung übernehmen Flötenspieler, die gleichzeitig trommeln und ein Musiker, der die Xeremia, ein mit dem Dudelsack eng verwandtes Instrument, spielt.

Der Alltag

Doch in Alaró wird natürlich nicht nur gefeiert. Wenn in den Bars des Dorfes um 6 Uhr morgens die Kaffeemaschinen in Betrieb gesetzt werden, stellen sich auch gleich die ersten Gäste ein. Meist Arbeiter, die von der spanischen Halbinsel stammen und auf den Transport zur nahe gelegenen Baustelle warten. Später dann kommen diejenigen auf einen schnellen Kaffee, die sich für ihren Weg zur Arbeit munter machen. Kurz vor neun ziehen gemächlich die Mütter an den Bars vorbei, die ihre Kinder in die zwei Schulen des Dorfes begleiten. Sind die Kids abgeliefert, treffen sich die Frauen zu einem Plausch in den Bars. Wer 14 ist und einen motorisierten Untersatz hat, düst schon morgens mit grossem Getöse in Richtung Schule. Sofort nach Unterrichtsschluss steigen die pubertierenden pickligen Jungs auf den heissen, frisierten Hocker und machen die ansonsten so friedlichen Strassen des Dorfes unsicher. So mancher gehbehinderte Ruheständler traut sich dann nicht mehr nach draussen und zieht es vor, den Nachmittag am Kamin des Hauses zu verbringen.

Der Zubringer, der von der Autobahn Palma-Inca nach Alaró führt, ist seit Herbst 2000 fertiggestellt. Schon jetzt droht das kleine Städtchen unter der Flut der Blechlawine zu ersticken. Die kleinen, winkligen Verkehrswege sind zugeparkt. Während die Strassen früher Orte der Begegnung waren und den Kindern Platz zum Spielen boten, gehören sie heute denen, die auch noch die kürzesten Strecken mit Fahrzeugen zurücklegen. Der Gemeindeverwaltung wird nur noch übrigbleiben, das Dorf für den Durchgangsverkehr zu sperren und gebührenpflichtige Parkzonen einzurichten. Erst dann werden die Mallorquiner über das kleine Städtchen am Fusse seiner Zwillingsberge wieder sagen können: Alaró, es un poble molt tranquil - Alaró ist ein sehr ruhiges Dorf.

Elektrizität

Am 15. August 1901, am Vorabend des Festes des Schutzpatron des Dorfes, San Roc, wurde mit einem grossen Fest die Elektrifizierung des Dorfes gefeiert. Noch heute macht die Geschichte die Runde, dass es an dem Tag zu einer Messerstecherei gekommen sei. Gleich am Orteingang stehen auf der rechten Seite die übriggebliebenen Reste eines grossen Kamins des alten, mit Kohle betriebenen Elektritätswerks. Schuhfabriken

Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden in Alaró die ersten Schuhwerkstätten, in denen die Sabaters arbeiteten. Mit dem elektrischen Strom konnten ihre Näh- und Stanzmaschinen für Leder schneller betrieben werden. Die Schreiner fertigten die Leisten an, die Payeses lieferten gegerbte Schaf- und Ziegenhäute. Der Export nach Amerika, vor allem aber nach Kuba, florierte. Im Jahre 1955 existierten noch über 50 kleinere und mittlere Fabrikationsbetriebe. Frauen und Männer arbeiteten in den Manufakturen. Auch in den einstöckigen Häusern des Dorfes ratterten zu allen Tages- und Nachtzeiten die Ledernähmaschinen. Die Frauen fügten in Heimarbeit Einzelteile zusammen, die am Freitag in den Betrieben abgeliefert wurden. Ab Mitte der 80er Jahre standen die Maschinen jedoch still. Die US-amerikanischen Abnehmer wichen auf billigere Erzeugerländer wie Portugal und Brasilien aus.

Brauchtum und Festkultur

Die Alaronenses verstehen sich aufs Feste feiern. An Silvester treffen sie sich kurz vor Mitternacht mit Cava und Trauben, um dann gemeinsam auf den Beginn des neuen Jahres anzustossen. Nun gibt es zum Jahrtausendwechsel sogar ein Feuerwerk auf der Plaça vor der Kirche. Am Vorabend zum Namenstag des Sant Antonio schichten die Inhaber der insgesamt 16 Barbetriebe riesige Berge von Holz auf und laden zur Torrada an der Glut ein. Während die Revetla mit dämonischen Höllenzauber gefeiert wird, ist der 17. Januar eher ein Kinderfest.



 
  
 
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