Der geschichtsträchtige Ort im Norden Mallorcas hat viele
Facetten. In den Villen von Bonaire an den Berghängen von Sa Victória
lebt es sich luxuriös mit prächtigem Blick auf die Halbinsel
Formentor. Nirgendwo auf der Insel blühen die Bourgainvilleen so
üppig wie dort. Die Strände Mal Pas und Sa Marina in der Badia
de Pollença sind in jedem Reiseprospekt als familienfreundlich
ausgewiesen. In der Altstadt Alcúdias scheint zumindest an den
Wochentagen die Zeit zum Stillstand zu kommen. Aber richtig reich wurde
die Kommune erst durch die Touristenmeile von Port dAlcúdia.
Sie zieht sich von Alcanada und dem Club Náutic über ihr Kernstück,
die Playa dAlcúdia, bis zur Gemeinde Muro. Die Dünenlandschaft,
die ehemals voll mit Pinien bewachsen war, ist zum Treffpunkt von Touristen
und Aktivurlaubern aus vielen Nationen geworden.
Ob schon die Römer, die 123 v. Chr. mit einer grossen Kriegsflotte
in die Bucht von Alcúdia eingedrungen und an Land gegangen waren,
diese zauberhafte Lage erkannt haben, bleibt dahingestellt. Jedenfalls
gründete Quintus Caecilius Metellus, der Befehlshaber der Invasionstruppen,
Pollentia - die Starke, die Mächtige - als Hauptstadt der neuen Provinz.
Der Feldherr ordnete den Aufbau eines beachtlichen Stadtwesens an: Märkte,
Thermalbäder, öffentliche Bauten für die Verwaltung, Springbrunnen,
Statuen, Luxusvillen und ein Theater entstanden. Hätten die Vandalen
im 5. und 6. Jahrhundert bei ihrer Zerstörungswut nicht ganze Arbeit
geleistet, wäre von Pollentia noch viel mehr erhalten geblieben als
nur einige Ruinen und Säulen in der Ciutat Romana de Pollentia mit
dem Teatre Romá. Bereits im 1. Jahrhundert v. Chr. entstand dieses
kleinste der insgesamt 23 römischen Theater in Hispania. Es soll
aber immerhin 2000 Personen Platz geboten haben. Die Bewohner flüchteten
vor den Vandalen ins Landesinnere und verlegten Pollentia an den Ort,
an dem sich das heutige Pollença befindet.Das Museu Monográfic
de Pollentia in Alcúdia zeigt in seiner Sammlung einige Relikte
des römischen Pollentia, aber auch griechische Kleinfunde: Keramik,
Schmuck, Statuen, Geld- und Spielmünzen, Zubehör für Webstühle,
medizinische Instrumente und allerlei Kriegsrat. Das kleine aber feine
Museum wurde von der Stiftung Bryant gegründet, die - benannt nach
dem amerikanischen Archäologen William Bryant - Ausgrabungen auf
der ganzen Insel fördert. Auch die Freilegung und Restaurierung des
römischen Theaters ist dem US-Amerikaner zu verdanken.
Die Mauren nannten die Stadt Al-cúdia, den Hügel, und
errichteten nach ihrer Eroberung Mallorcas im Jahre 902 auf den Trümmern
des von den Vandalen zerstörten römischen Pollentia eine neue
Stadt. Die Lage war strategisch optimal ausgesucht: In der Mitte der Landenge
zwischen den beiden grossen Buchten von Pollença und Alcúdia
gelegen, war der Siedlungsort nach allen Seiten hin gut zu verteidigen
und vorzüglich für den Seehandel geeignet.
Die Ehrung der Stadt
Auffälligste Erscheinung von Alcúdia ist seine
zinnenbesetzte, gut erhaltene Stadtmauer, die den Ortskern beinahe
vollständig umschliesst. Durch das Tor El Muelle
tritt man ein, durch das Tor San Sebastian wieder hinaus.
König Jaume II. liess die Bastion in spanisch-maurischer Gotik
am Ende des 13. Jahrhunderts gegen die Piratenüberfälle
auf die reiche Handelsstadt errichten. Unter der Regentschaft von
Philipp IV. wurde das Bollwerk um 1660 durch einen äusseren
Mauerring verstärkt. Alcúdia profitierte übrigens
nicht nur von seiner herausragenden Meereslage. Die von den Römern
errichtete Strasse Pollentia - Palmería, die auch in ihrem
heutigen Verlauf fast wie ein gerader Pfeil verläuft, war als
Nord-Süd-Achse ein blühender Handelsweg.
Die Alcudienses sind stolz auf ihre Stadt. Nicht nur auf
das Erbe der römischen Kultur, sondern auch auf den ihr im
Jahre 1535 von Karl V. verliehenen Titel die treue Stadt.
Der Wandel desMassentourismus
Ein ganz anderes Bild vermittelt dagegen Port dAlcúdia.
Von dort aus verkehren noch immer Schiffe nach dem nahegelegenen
Ciutadella. Doch nur noch wenige Fischer legen ihre blauen Netze
im Hafen aus. Sie sind von den Schiffen der Freizeitkapitäne
längst verdrängt worden. Der kleine Fischerhafen ist der
am tiefsten gelegene Punkt der Bahía de Alcúdia und
hat sich seit den 70er Jahren zu einem der touristischen Zentren
auf Mallorca entwickelt. Der Port ist heute für Passanten als
autofreie Zone eingerichtet. Doch die Holzbohlen, mit denen nach
dem Vorbild der Hafenanlage in Barcelona die Fussgängerzone
ausgestattet worden ist, haben sich bei den hohen Temperaturen der
Sommermonate nicht sonderlich bewährt. Die Bar- und Restaurantbesitzer
klagen über die drückende Saunaluft.
Am dreieinhalb Kilometer langen Sandstrand reihen sich dicht
an dicht Hotels, Ferienwohnungen, Freizeit- und Sportcenter, Gross-Supermärkte,
Souvenirläden, Bars, Diskotheken und Bierkneipen. Während
die deutschen Urlauber in sArenal und die britischen Pauschalreisenden
in Magaluf mehr oder weniger unter sich sind, treffen sich in Port
dAlcudia Touristen aus den verschiedensten Nationen. Dort
zeigt sich der Urlauber aktiv. Seine Reisekasse ist auch dementsprechend
besser ausgestattet. Er surft, taucht, segelt und paraglidet im
sanften Flug leise zur Bucht hinab. Alcúdias Touristikmanager
verstehen es vortrefflich, blaues Meer, bunte Segel und unberührte
Berglandschaft in einem Atemzug zu vermarkten. So hat sich der eher
geschmacklose Zustand von einst, der von Pommesbuden und heimsprachigen
Kneipen geprägt war, rechtzeitig zu einem einträglichen
Projekt des Qualitäts- und Erlebnistourismus gewandelt.
Das beliebte Ausflugsziel der Mallorquiner
Im Osten von Port d Alcúdia liegt der Ortsteil
Alcanada mit seinem gleichnamigen Inselchen und einem langen Kieselstein-
und Felsstrand. An Wochenenden bauen dort hunderte Mallorquiner
ihre Tische auf und zelebrieren ein vergnügliches Zusammensein
mit allerlei Gegrilltem und der obligatorischen Paella.
Die Umgebung der geschichtsträchtigen Stadt bietet abseits
des Urlauber-Rummels einige landschaftlich reizvolle Glanzlichter
und ökologische Wunderwerke. An erster Stelle sind dabei die
Albufera und ihre kleinere Schwester, die Albufereta, zu nennen.
Letztere liegt an der Bahía de Pollença zwischen Alcúdia
und Port de Pollença. Die Albufera ist das wichtigste Feuchtgebiet
der Balearen und wurde 1988 zum ersten Naturpark der Inseln erklärt.
Das Biotop befindet sich im Viereck von Port dAlcúdia,
Can Picafort, Muro und Sa Pobla. Seine Flora & Fauna ist
von atemberaubender Vielfalt. Allein über 200 Vogelarten haben
die aus ganz Europa anreisenden Ornithologen bisher registriert.
Die Halbinsel Sa Victória wird in der Beliebtheitsskala
von ihrem Pendant Formentor weit unterbewertet . Ein Grund dafür
ist wohl die Stationierung der spanischen Armee, noch aus Franco
- Zeiten. Seitdem unterliegt Cap Pinar als Sperrzone der Militärgewalt.
Vor zwei Jahren wurde die Abgeschiedenheit der Soldaten allerdings
empfindlich gestört, als die Regierung inmitten des idyllisch
gelegenen, landschaftlichen Kleinods eine Gästeresidenz des
Govern Balear errichten wollte. Nach heftigen Protesten der Bevölkerung,
die seit Jahrzehnten keinen Fuss auf die Spitze der Halbinsel setzen
durfte, musste die Regierung das selbstherrliche Prestigeobjekt
aufgeben. Für viele Mallorquiner ist im Sommer neben Alcanada
auch Sa Victória ein beliebtes Ausflugsziel. Sie picknicken
in den Pinienwäldern rund um den Strand SIllot mit seiner
kleinen vorgelagerten Insel. Die Gläubigen unter ihnen verbinden
den Wochenendtrip mit einer kurzen Andacht in der Ermita de Nostra
Senyora de la Victória. Die Legende berichtet von einer Madonnenfigur,
die von Piraten bei Überfällen mehrmals gestohlen wurde
und auf wundersame Weise immer wieder an ihren Platz in der Kapelle
zurückgelangte. Die Halbinsel bietet mit der Penya del Migdia
und der Talaia dAlcúdia zwei markante Aussichtspunkte
mit einem überwältigenden Panoramablick. Die 444 Meter
hohe Talaia ist zwar mühsam zu besteigen, doch der Rundblick
von oben belohnt die Mühe allemal.
Noch gelingt es Alcúdia, die Balance zwischen seiner
historischen Vergangenheit, seiner reizvollen landschaftlichen Umgebung
und einer rasanten touristischen Weitererschliessung einigermassen
zu halten. In welche Richtung aber das Pendel im nächsten Jahrtausend
ausschlagen wird, ist eine Frage, die sich für ganz Mallorca
stellt. Auf einem Rundgang durch das heutige Alcúdia erwarten
die Besucher einige unerwartete Erlebnisse. Sofern man den Marktsonntag,
an dem regelrechte Touristenmassen angereist kommen, meidet, zeichnet
sich das Städtchen in seinem alten Kern durch Ruhe und angenehme
Gelassenheit aus. Dies liegt vor allem an der durchgehenden Fussgängerzone,
die Bummlern, aber auch Eiligen und Geschäftigen die Vorzüge
einer autofreien Innenstadt bietet. Die Fassaden der Häuschen
sind schlicht und liebevoll renoviert. Bars laden zu Tapas mit einem
Wein ein.
Quelle: LEBEN auf den Balearen Die
Zeitschrift in deutscher Sprache