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 Andratx
 
 
 © Bernd Ewert    
Wehrkirche Santa Maria  
Blick nach Kuba

Eine Reise in die Geschichte von Andratx könnte gut auf Kuba beginnen. Bei Fidel Castros Augenarzt Jaime Alemany etwa. Oder mit einer Reminiszens an die Bautrupps der ersten kubanischen Eisenbahn. Vielleicht auch mit einem Besuch im Hospital “La Balear”. Immer würde man auf Andritxols stoßen, jene Auswanderer, die vor 150 Jahren das kleine mallorquinische Fischerdorf Andratx verließen, um in der großen weiten Welt ihr Glück zu suchen. Sie landeten in Batabano, einem Küstenort unweit von La Habana und brachten es dort zu großem Ansehen. Und natürlich änderte das auch den Lauf der Dinge daheim: In Andratx verraten noch heute blaue Farbtupfer und modernistische Fassaden die kubanische Ahnentafel des Dorfes.

Margalida Moner, Bürgermeisterin von Andratx, hütet ein Senklot und einen Zirkel, wie einen großen Schatz. “Das sind Instrumente, die uns unsere Emigranten Ende des Jahrhunderts als Andenken geschickt haben.” Und zwar erinnern diese Werkzeuge an den Bau der 1000 Kilometer langen kubanischen Eisenbahnlinie - ein Werk, das vor allem von Technikern und Arbeitern aus Andratx durchgeführt wurde. Begonnen hatte die Emigration wie in den meisten ähnlichen Fällen sehr bescheiden. Margalida Moner führt die Hand in einer charakteristischen Geste zum Mund: “In Andratx gab der Fischfang im nahen Port nicht mehr genug ab, um das Dorf zu ernähren.” So landete eine erste Emigrantenwelle aus Mallorca 1849 im kubanischen Batabano und begann, sich der Schwammzucht zu widmen. Als sich die ersten Erfolge daheim herumgesprochen hatten, kam die Welle in Gang; wer jung war und arbeiten konnte, begann die mühselige Expedition im Zweimaster. “Lange Zeit war Andratx ein Dorf, das von Frauen regiert wurde”, erzählt die Bürgermeisterin. In jener Zeit ging ein Wort durch Andratx: “H´arribat carta i cosas”, auf deutsch: “ein Brief und Sachen sind gekommen”. Ohne Sachen, sprich: Geld, waren die Briefe der Kubaemigranten höchst besorgniserregend. Konnte das doch bedeuten, daß der betreffende Auswanderer erfolglos blieb oder, schlimmer noch, mit einer Mulattin durchgebrannt war. “Viele der Männer”, schmunzelt die Bürgermeisterin, “kamen mit Kubanerinnen zurück, davon zeugen hier noch heute viele Gesichter auf der Straße.” Der `Brief mit den Sachen´ ist übrigens in Andratx zum geflügelten Wort geworden: Verspricht jemand haltloses Zeug, dann kann es ihm passieren, daß der Andritxol ihn herausfordernd anschaut und fragt: “Dónde están carta y cosas?”

Die “Sachen” in den Briefen haben in der Anatomie des Dorfes sichtbare Spurenelemente hinterlassen: Der obere Teil windet sich in spanisch verwinkelten Gassen und Treppen. Im unteren Teil von Andratx zeugen schnurgerade Straßenlinien, karibisch blaue Fensterläden und modernistische Details an den Hauseingängen von der kubanischen Vergangenheit des Dorfes.

Vom Stützpunkt Kuba aus haben es Andritxols selbst in den USA zu Rang und Namen gebracht: “Es gab zu jener Zeit kein wichtiges Hotel in Chikago oder New York, dessen Küchenchef nicht aus Andratx gewesen wäre”, berichtet Margalida Moner. So wurde die High Society zur Zeit des Alkoholverbots im `Walldorf’ oder im `Plaza’ von Meistern aus Mallorca bekocht - Anlaß daheim für eine kuriose Zeitung namens “Andratx - Dorf der Chefs”
.

Emigration modern

Die Visitenkarte, die Andritxols in der Emigration hinterließen, kann sich sehen lassen: Es gibt ein Gesellschaftszentrum, ein “Haus der Balearen” in La Havanna, allgemein als “Andratx´ Konsulat” bezeichnet, und seit einem Jahr unterhalten Bata-bano und Andratx eine Dorfpartnerschaft. Auf diesem Wege hoffen die Andritxols auch, das eine oder andere Dokument aus der Zeit der Emigration zu erhalten. Denn erstaunlicherweise wurde die Geschichte der Kubaexpeditionen nie in einem Buch festgehalten. “
Ich könnte mit Begeisterung stundenlang Geschichten erzählen”, sagt Margalida Moner, “aber die meisten Anekdoten sind mündlicher Überlieferung.” Die Briefe der Emigranten, deren `Sachen´ das Dorf so verändert haben, ruhen noch sorgsam gehütet in den Schubladen der Andritxols.

Indes scheinen die Fassaden des kubanischen Dorfteils in Andratx, fast wie ihre Vorbilder in Übersee, leicht vom Zahn der Zeit angenagt. Glanz ist derzeit wenig zu finden in Andratx, heute Verwaltungs-zentrum der Dörfer Port d´Andratx, S´Arracó, San Telmo und Camp de Mar. Reiches Aushängeschild ist Port Andratx, was auch wieder mit Emigration zu tun hat: 640 Deutsche, 45 Österreicher und 32 Schweizer haben hier ihren ständigen Wohnsitz, fast doppelt so viele wie noch vor fünf Jahren.
Eine ungleiche Exportbilanz ergibt das, wenn man weiß, daß im vergangenen Jahrhundert gerade einmal ein einziger Andritxol, ein “Wintertorero” (Margalida Moner) die Auswanderung nach Deutschland wagte. Immerhin brachte es der Mann in Frankfurt zu Geld, bevor er sich in Richtung Argentinien verabschiedete, um sich dort maßgeblich am Aufbau des Nationaltheaters zu beteiligen.

Wir sind aus Erfahrung sehr offen gegenüber allen Zuwanderern”, erklärt die Bürgermeisterin. Angesichts des Vielvölker-Trubels rund um den Hafen, bereitet ihr weniger der mögliche Verlust eigener Identität Kopfschmerzen, als die Probleme mit Müllbeseitigung, öffentlicher Sicherheit oder Wasser- und Energieversorgung.
“Die Großgemeinde Andratx wächst im Sommer leicht von 15- auf 30.000 Menschen an”, sagt die alcaldesa, “da muß man ständig auf der Hut sein, um die Nachfrage der Leute zu decken.” Andratx, eines der ganz wenigen spanischen Dörfer mit “saniertem Haushalt” soll künftig in jedem Fall nicht mehr weiterwachsen. “Es wird nur noch dort gebaut, wo es bereits genehmigt ist”, erklärt Frau Moner bündig, “ansonsten gibt es nicht einen Handbreit mehr.” - Und wenn noch so viele “Cartas i Cosas” kämen.



 
  
 
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