In Arenal ist der “Qualitätstourismus” noch in weiter Ferne 5,5 Kilometer Strand. 40 Meter breit. Das ist die Playa de Palma, die Touristenhochburg der Balearen schlechthin. Im Sommer herrscht hier Hochbetrieb. Im Winter sind viele der Hotels verwaist. Für viele Urlauber ist Playa de Palma = Ballermann 6 = Arenal. Dem ist jedoch offiziell nicht so. Denn sämtliche Balnearios zählen zur Playa de Palma und damit zu Palma. Erst südlich davon beginnt mit Arenal die Gemeinde Llucmayor. Doch so verkehrt ist diese Gleichung auch nicht. Denn die drei Begriffe stehen für die gleiche Sache: Massentourismus
In einem trockenen Flußbett spielen ein Dutzend mallorquinische
Kinder Fußball. Gekickt wird auf zwei Tore, die aus zusammengeschraubten
Eisenstangen gebastelt wurden. Der herumflatternde Müll wie Coladosen,
Wasserflaschen, Plastiktüten oder alte Zeitungen stört die kleinen
Ronaldos wenig. Die Jungs, die hier in der Abendsonne Fussball spielen,
wohnen auf beiden Seiten des torrents. Dies ist ihre Heimat, hier sind
sie inmitten der Touristenhorden großgeworden. Hier in Arenal, hier
an der Playa de Palma - zwei Ortsbezeichnungen, die nicht nur für
die fußballspielenden Kinder unzertrennbar sind.
Playa de Palma = Ballermann 6 = Arenal ?
Doch was zumindest von den Abertausenden von Urlaubern kaum
jemand weiß, die Realität sieht anders aus. Denn die
Playa de Palma und Arenal sind zwei verschiedene Orte. Die Playa
gehört, wie der Name es schon sagt, zu Palma, auch verwaltungstechnisch.
Die 7.320 Einwohner von Arenal zählen zur Gemeinde Llucmayor.
Und genau im torrent, in dem nach heftigen Regengüssen das
Wasser ins Meer abläuft, verläuft die Grenze zwischen
den beiden größten Amüsiermeilen der Balearen.
Dieser kleine Unterschied dürfte für die meisten
Urlauber genauso wenig von Bedeutung sein wie für die meisten
Anwohner. Sie assoziieren mit diesen Touristenhochburgen sowieso
in erster Linie sturztrunkene, literweise sangriakippende und saufliedergrölende
Urlauber. Meistens sind es Deutsche, Holländer, Skandinavier
oder Engländer. Bei den beiden Gemeinden, vor allem in Llucmayor,
sieht das aber mit Sicherheit ganz anders aus. Freiwillig hergeben
möchte aber weder Palma noch Llucmayor auch nur einen Meter
dieses Terrains. Denn hier wird Umsatz gemacht. Die Kasse klingelt
in den Kneipen und Freßbuden. Und damit auch im Stadtsäckel.
Nichts anderes zählt, alles andere ist unwichtig. Und frei
dem Motto Ist der Ruf erst ruiniert... leben die Anwohner
hier schon seit Jahren ganz ungeniert in friedlicher Koexistenz
mit den sich - vor allem im Sommer - gern zur Schau stellenden Billigurlaubern.
Billig insofern, als daß man schon ab 500 Mark eine Woche
am Spektakel teilhaben darf. Und daß man sich mit einem meist
durchgelegenen Bett, einer Dusche und einem Balkon mit Blick auf
das gegenüberliegende Hochhaus zufrieden gibt. Meerblick muß
ja nicht unbedingt sein, darauf glotzen die meisten ja schließlich
schon den ganzen Tag während des Marathon-Grillfestes am Strand.
Und wer Ruhe haben will, bucht schließlich nicht Arenal.
So wie Klaus, 32, und Beate, 31, aus Salzgitter, die sich
zwecks Entspannung und Erholung in einem Landhotel im Landesinneren
eingemietet haben. Von hier aus unternehmen sie dann Tagesausflüge,
zum Beispiel nach Arenal. Natürlich müssen wir uns
das hier mal anschauen, das gehört ja schließlich schon
zur Allgemeinbildung, sagt Beate. Auch Klaus, der an der Uni
Braunschweig seine Brötchen verdient, scheint sichtbar beeindruckt:
Hier geht ja richtig die Post ab.
sehen.. und gesehen werden...
Die beiden jungen Intellektuellen aus Niedersachsen sind
ein Spiegelbild vieler deutscher Mallorca-Urlauber. Natürlich
würde keiner von ihnen freiwillig eine Nacht an der Playa de
Palma oder in Arenal verbringen. Aber ohne eine Stippvisite am Ballermann
glaubt fast jeder, etwas in seinem Urlaub verpaßt zu haben.
Was natürlich so unwahr auch nicht ist. Denn wo sonst tragen
die jungen Mädchen ihre an manchen Stellen hochgepushten Bodys
so schamlos zur Schau. Wo sonst kann man solch eine Vielfalt von
Tattoo-Kunst auf mehr oder weniger gestählten Männer-
und Frauenfleischbergen bewundern. Und wo sonst kann man so eine
breite Palette von unterschiedlichen Hautpikmentierungs-Graden -
sie reicht von schneeweiss über knallrot bis zu tiefbraun -
bestaunen. Und wo sonst sitzen glückliche Menschen in Bars,
die Klaps-Mühle heißen? Einer der Zufriedenen
ist Rainer aus Gladbeck. Ich fühl mich hier pudelwohl.
Habhier schon nette Kumpels aus dem Ruhrgebiet kennengelernt.
Und Sprachprobleme gibts überhaupt keine. Die Preise
für Sangria und Kartoffelsalat sind schön auf Deutsch
ausgeschrieben, schwärmt der 29jährige Gabelstaplerfahrer.
Daß in Arenal fast nur häßliche, renovierungsbedürftige
Hochhäuser stehen und alles ein bißchen heruntergekommen
aussieht, stört auch Rainers Verlobte Helga, 24, wenig: Wir
sind sowieso die meiste Zeit am Strand oder in der Kneipe. Wem das
nicht reicht, der kann sich ja einen Mietwagen nehmen und durch
die Landschaft düsen. Uns ist das aber viel zu stressig im
Urlaub.
schöne Aussichten ?
Doch die Tage, an denen Arenal mit Massentourismus gleichgesetzt
werden kann, scheinen auch gezählt, glaubt man dem neuen balearischen
Tourismusminister. Der fordert in dicht bebauten Gegenden wie Arenal
müßten gemäß dem neuen Tourismus-Gesetz Hotels
verschwinden und dort stattdessen Parks angelegt werden: Wir
brauchen grüne Flächen, damit die Menschen wieder Luft
zum Atmen haben und um unseren Anspruch gerecht zu werden, Qualitätstourismus
anzubieten, sagt er. Als erster Schritt dahin wurde bereits
das Hotel Felipe an der Carretera Militar dem Erdboden
gleichgemacht. Ob und wann dort dann einmal ein Park entstanden
sein wird, bleibt abzuwarten. Außerdem müßten für
eine Qualitäts-Steigerung etliche Hotels entsorgt werden.
Ansichtssache
Doch Arenal ist nicht gleich Arenal. Es gibt hier auch Gegenden,
wo die Abrissbirne nichts zu suchen hat. Man braucht nur den gepflegten
Segelhafen Club Náutico de SArenal passieren,
dann taucht man sofort in eine andere Welt ein: Schöne mallorquinische
Fincas mit gepflegten, angelegten Gärten. Kein Dreck, kein
Müll, keine Anzeichen von Armut, wie sie teilweise zwischen
den Hotelklötzen von Arenal zu entdecken sind.
Die Bewohner dieser Idylle gehören zum gehobenen Mittelstand.
Und freiwillig trennt sich hier auch keiner von seinem Haus. Denn
die Wohnlage ist für mallorquinische Verhältnisse einfach
optimal: direkt am Meer, ruhig gelegen und zehn Minuten mit dem
Auto von Palma - genauer gesagt vom Zentrum der Balearen-Hauptstadt
- entfernt. Denn die Stadtgrenze Palmas verläuft ja nur wenige
Meter entfernt. Im torrent, in dem die kleinen mallorquinischen
Ronaldos immer noch Fußball spielen.
In Zahlen:
Arenal gehört zu der Gemeinde Llucmayor, die mit
einer Ausdehnung von 325 Quadratkilometern die größte
der Balearen ist. Ihre Küstenlinie von 42 Kilometern reicht
von Arenal bis Estanyol. Das Klima ist in dieser Gegend ausgesprochen
mild und angenehm. Die Durchschnittstemperaturen liegen im Sommer
um die 26 Grad, im Winter durchschnittlich bei 14 Grad. Die relative
Luftfeuchtigkeit beträgt 70 Prozent. Die Sonne scheint an
mehr als 300 Tagen auch für hiesige Verhältnisse überdurchschnittlich
oft. Zum Leidwesen der Obstbauern regnet es dafür entsprechend
wenig, die durchschnittliche Niederschlagsmenge liegt meist unter
450 Millimetern pro Jahr. Die gegenwärtige Einwohnerzahl
der Gemeinde Llucmayor beträgt 18.000. Davon leben 7.320
in Arenal.
Quelle: LEBEN auf den Balearen Die
Zeitschrift in deutscher Sprache