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 Banyalbufar
 
 
 © Volker Dannenmann    
Blick auf Banyalbufar  
Banyalbufar ist ein kleines Dorf an einem der Berghänge der Serra de Tramuntana.
Das ist der Ort mit dem Blick auf das dunkle Blau des Mittelmeers. Und da ist noch das hell-transparentere Blau des Himmels. Die beiden trennt der Horizont. Manchmal scheint es, als wäre er von unsichtbarer Hand mit dem Lineal gezogen worden. Manchmal ist er zart und kaum wahrnehmbar. Und dann wieder gibt es Tage, an denen sich der Horizont zu einem verschwommenen, undefinierbaren Etwas verwandelt. Wie auch immer es mit dem Horizont bestellt sein mag, Banyalbufar gehört zu den idealen Orten, an denen man dabei sein kann, wenn die Sonne abends langsam im Meer versinkt.

In Banyalbufar könnten die Gelehrten in Sachen Kunst ihren Schülern all die bildnerischen Elemente vorführen, die die Natur dem Maler an künstlerischen Gesetzen vorgibt. Sie sind die ideale Basis für den Aufbau eines Bildes: Die Terrassen bilden den ornamentalen Bildaufbau im Rahmen eines Gesamtkunstwerks, das sich Banyalbufar nennt. Die Steinmauern in sich selbst sind Ornamente, in denen sich unregelmäßige Naturelemente zu einem geordneten Ganzen zusammenfügen.

Das Dorf zieht sich, der natürlichen und ornamentalen Terrassenkultur folgend, vom Meer aus einen hundert Meter hohen Berghang bis zu dem Fuße der südwestlichen Serra de Tramuntana empor. Der Name Banyalbufar ist von dem arabischen Begriff buniola al bahar abgeleitet und das heißt: kleiner Weingarten am Meer.

Irgendwann, in der Zeit, als die Menschen auf den Balearen genügend Erfahrung mit dem Bau von Talaiots, Taulas und Navetes gesammelt hatten, begannen sie damit, das für sie so lebensnotwendige und kostbare Wasser aus ihren Quellen zu sammeln und Bewässerungsanlagen zu errichten. Die Achse, um die sich die Wasserversorgung Banyalbufars dreht, wird majil genannt.
Die pauschale Aussage, die Araber hätten auf den Balearen das Bewässerungssystem eingeführt, ist aus der Sicht der Historiker wissenschaftlich nicht haltbar. Sie haben, als sie die Inseln zu besiedeln begannen, ein bereits jahrhunderte-, vermutlich aber jahrtausendealtes Bewässerungssystem vorgefunden und sind mit diesem sorgsam umgegangen. Die Araber haben die Kanäle, die sequias, erneuert, ausgebaut und vielleicht zu der legendären technischen Vollkommenheit entwickelt.
So wird es sich wohl auch in Banyalbufar abgespielt haben.
Das Bewässerungssystem, das majil, ist einzigartig. Dem Betrachter zeigen sich treppenweise angeordnete Wasserreservoirs, doch deren genaue architektonische Funktionalität ist für ihn schwer nachvollziehbar. Es ist ein überaus geschicktes System von Wasserzuteilung und Bewässerung. Wasser aus 24 Quellen wurde über die sequias an den Olivenhainen vorbei zu Obstbäumen und Gärten geleitet. Weil zwischen Mai und September mit wenig Regen zu rechnen ist, mußten die Winter- und Frühjahrsniederschläge in Zisternen und Wasserreservoirs, den safareigs, gespeichert werden. Über Leitungen und Gräben wurde in den Sommermonaten das Wasser den Baum- und Gemüsegärten zugeteilt. Kunsthistoriker messen dem Bewässerungssystem wegen ihrer architektonischen Vollkommenheit große Bedeutung zu. Für sie sind die Kanäle, Wasserreservoirs und Zisternen, die das Quellwasser des Dorfes sammelten, Kunstwerke wie Kathedralen oder Klöster. Doch sie müssen auch staunend zugeben, daß diese vom künstlerischen Anspruch her faszinierende Architektur eben auch einfach gut funktioniert hat.

Das ausgeklügelte Bewässerungssystem brachte den Banyalbuferinos Wohlstand. Es wurden Weingärten angelegt, man züchtete eine Rebensorte mit dem Namen malvasia. Aus den Trauben wurde ein Wein gleichen Namens gekeltert. Ein Muskateller, ein Dessertwein mit leichtem Sherrygeschmack. Auf den fruchtbaren Terrassen Banyalbufars wurden die Sorten Tomaten gezüchtet, die für die ramallers, die Tomatenzöpfe, verwendet werden. Diese sind das ganze Jahr über haltbar, und man betrieb einen regen Handel mit Palma und Barcelona. Banyalbufar bekam 1914 als drittes Dorf Mallorcas Elektrizität. In den zwanziger Jahren zählte Banyalbufar zu den reichsten Gemeinden der Insel. Dem Dessertwein setzte die Reblaus ein Ende. Die Tomatenzöpfe verloren an Attraktivität in dem Maße, als andere Formen der Konservierung von Nahrungsmitteln ihren Siegeszug antraten.

Seit den Zeiten der arabischen Alquerias gehörten zu Banyalbufar die possesiós: Planicia, Son Valentí, Son Balanguer, Son Bujosa, Son Sanutge und Son Bunyola. Die meisten der 2000 Gärten Banyalbufars gehörten diesen Großgrundbesitzern. Sie fanden keine Mittel gegen die aus Amerika eingeschleppte Reblausplage, ihre Erben keinen Gefallen an der Landwirtschaft. Also verhökerten sie die Terrassenfelder an landlose Bauern, die Gemüsekulturen zwischen wenigen Obst- und Mandelbäumen anpflanzten. Heute gibt es nur noch einen Bauern, der von der Landwirtschaft lebt. Die Bewohner des Dorfes haben ihre kleinen Gemüsegärten für den eigenen Bedarf, und nicht nur der Bürgermeister, Antoni Mora, hat einen kleinen Weingarten, auf dem er die malvasia hegt und pflegt. In Zusammenarbeit mit der Universität von Barcelona versucht man, diese Rebenart wieder überlebensfähig zu machen, ein Prozeß, der lange währt und viel Geduld erfordert.


Banyalbufar, der ideale Hintergrund fürs Urlaubsfoto.

In Banyalbufar, bevorzugt am Torre de Ses Animes, halten die Touristenbusse, jeder Reiseführer empfiehlt, dort Station zu machen.

Die Landschaft mit dem Blick auf das Meer und den 932 Meter hohen Mola de Planicia im Hintergrund ist auch so unbeschreiblich schön, daß jede Pocketkamera noch Fotos zaubert, mit denen sich der reisende Gelegenheitsfotograf als Künstler verstehen kann. Für Handicams gilt gleiches. Der ursprüngliche Charakter des Dorfes ist noch im wesentlichen deswegen erhalten geblieben, weil die Straße von Palma nach Banyalbufar immer extrem schmal und holprig gewesen war. Man fuhr immer schon relativ flott mit Kutschen, Pferden und Mulis über Valldemossa nach Deià. Die neun Kilometer Landstraße zwischen Estellencs und Banyalbufar war zwar für die Reisenden des letzten Jahrhunderts mühsam; nicht so für die Post. Diese setzte zuverlässig und regelmäßig zunächst Postkutschen, später dann Autobusse ein.

Geschichten...

Drehen wir das Rad der Geschichte zurück: Was wäre geschehen, wenn Madame Sand für ihren tuberkulösen Musiker ein Haus in Banyalbufar angemietet hätte? Würde dann in ‘La Baronia’ heute täglich und immer wieder die Tasten des Flügels mit der Regentropfen-Prelude von Chopin malträtiert werden? Was wäre gewesen, wenn der gute Erzherzog sich in eine der Schönen aus Banyalbufar verliebt hätte? Gut, daß es nicht so gekommen ist, denn sonst wäre das Dorf nicht mehr das, was es heute ist.

Erzherzog Ludwig Salvator berichtete nur kurz über Banyalbufar und bezeichnete die Malvasiatrauben als vortrefflich. Die Gassen des Dorfes seien mit Ausnahme der Fahrstrasse sehr eng und meist schlecht gepflastert, die Umgebung sei ‘reizend’. Er hat auch einen Abstecher nach Son Bunyola gemacht: ,,Dem Ansehen nach scheint das Haus sehr alten Ursprungs und in früheren Zeiten zur Vertheidigung bestimmt gewesen zu sein”. Andere Orte auf der Insel widmete er sich sehr viel intensiver, be-schrieb sie eindrücklicher. In Banyalbufar scheint er Rast gemacht zu haben, um zu seinem Lieblingsort an der Küste zwischen Valldemossa und Deià anzukommen. Dort werden seine Kapitel ausführlich, jedes Detail schien ihm wichtig und er schrieb dann auch, Son Marroig sei eben der schönste Ort auf dieser Welt. Und so wie er und George Sand, die mit ihren beiden Kindern und dem kränklichen Lebensgefährten, Frederic Chopin, sich eher auf der Durchreise befanden, fahren auch heute die Autobusse einfach durch Banyalbufar durch, um vor Son Marroig und in Valldemossa zu parken.

Es gibt mehrere Landgüter, deren ehemalige Eigentümer die Großgrundbesitzer von Banyalbufar waren. Wenn wir uns hier dem Anwesen Son Bunyolas intensiver widmen, so deshalb, weil um dieses Anwesen ein heftiger Streit zwischen einem ausländischen Großinvestor und der Gemeinde entstand, der in die Annalen des kleinen Dorfes eingehen wird. Und hoffentlich kann Banyalbufar mit seiner beispielhaften Standhaftigkeit und Unbestechlichkeit Einfluß nehmen auf die Besiedelungspolitik der Balearen.

Geschichte

Die ersten Eintragungen über den Bau der Wachtürme stammen aus dem 16. Jahrhundert. Das breite Bergtal, das an der Playa de Son Bunyola endet, versprach denen, die mit dem Bau des Anwesens begannen, wegen der fruchtbaren Erde und der Wasservorkommen eine ertragreiche Landwirtschaft. Doch Piraten trieben ihr Unwesen, und so begann man den Bau des Anwesens mit Wachtürmen. Der älteste Teil des Wohnhauses ist der südliche Trakt in Richtung zum Meer. Im Verlauf vieler Jahrzehnte entstand ein Landgut von beeindruckenden Ausmaßen. Der Familie Dameto, die sich ab dem Jahre 1637 ‘Marques de Bellpiug’ nennen durfte, bot es einen adäquaten Rahmen für ihren Adelstitel und den damit verbundenen Lebensstil. Man taftelte in Räumen mit farben-prächtigen Fliesen und Wandvertäfelung aus Marmor. Es gibt keine Arkaden wie in Son Marroig, die Fenster sind eher klein, Fensterläden schützen vor der Hitze des Sommers. Son Bunyola ist nicht vergleichbar mit der Großzügigkeit der von dem Stil der Habsburgermonarchie beeinflußten Architektur Son Marroigs.

Das Terrain von Son Bunyola umfaßt sechs Millionen Quadratmeter. Da sind Pinienwälder und Eichenhaine, Terrassen mit Olivenbäumen. Hunderte von Landarbeitern ernteten Oliven, die dann in der tafona von Son Bunyola zu Öl verarbeitet wurden. Wie andere possesiós auch, war es ein autarkes Gut, auf dem alles produziert wurde, was die dort lebenden Menschen brauchten. Brennholz, Öl, Gemüse wurden in den nahe gelegenen Dörfern zum Verkauf angeboten. Alles in allem ein einträgliches Unternehmen für die Marqueses.

Der schlechte Zustand der tafona und die nicht mehr ganz intakten Fliesen störten Richard Branson sicher nicht, als er 1994 Son Bunyola und damit ein Drittel des Gesamtgeländes der Gemeinde Banyalbufar aufkaufte. Er wird das Gut auch nicht wegen der Madonna in der Kapelle wegen erworben haben. Sein Vermögen wird auf über zwei Milliarden US-Dollar geschätzt. Sein Anliegen ist natürlich, diese nicht unbeträchtliche Summe ohne Rücksicht auf Verluste und ohne Sensibilität für Umwelt und Landschaft zu vermehren. Damals sahen die Chancen für ihn noch ganz gut aus. Der Bürgermeister von Banyalbufar, Mitglied der konservativen PP, machte mit dem Milliardär einen Deal aus, der in etwa so aussehen sollte: 25 Villenprojekte, eine Erweiterung des Anwesens von Son Bunyola in einer Größenordung von 25%. Neben Banyalbufar sollte eine Reiche-Leute-Gegend entstehen, wie man sie aus Son Vida kennt. Statt Olivenhainen und Pinienwäldern eine Villengegend. Jedes Haus mit hohen Mauern und von privaten Sicherheitsdiensten geschützt. Der einzige Kontakt zur Außenwelt: die Gegensprechanlage. Doch seit 1991 gibt es die ‘Unabhängige Wählergemeinschaft für Banyalbufar’, deren Vorsitzender Antoni Mora war und der heute Bürgermeister von Banyalbufar ist. Sie setzen sich dafür ein, daß Banyalbufar einfach so bleibt, wie es ist. Daß vielleicht eines Tages wieder Flaschen des ‘Malvasia’ in Produktion gehen; und man einen Weg findet, damit der Reibach, den die Hoteliers an der Küste machen, auch denen zugute kommt, deren Dörfer von den Touristen heimgesucht werden.

Erst waren die ‘Independents per Banyalbufar’ in der Opposition im Stadtrat der Gemeinde. Dann kamen die Wahlen im Mai 1995, bei denen Antoni Mora zum Bür-germeister gewählt wurde. Er gibt sich in bezug auf Branson gelassen: ,,Zwei Wochen, bevor in Banyalbufar Wahlen stattgefunden haben, genehmigte mein Vorgänger im Amt zwei Bauvorhaben Richard Bransons. Die Ausführung dieser Bauvorhaben können wir zwar beeinflussen, wir können sie jedoch nicht mehr verhindern. “Richard Branson wird Son Bunyola zu einem Nobel-Hotel ausbauen. Es wird jedoch keinen Privatstrand haben wie die Residencia in Deià, die ihm ebenfalls gehört. Die Playa von Son Bunyola ist öffentliches Gelände, vielleicht gibt die Gemeinde Richard Branson eine Genehmigung, dort einen Eisstand aufzustellen. Der gesamte Wanderweg zwischen Port de Canonge und Banyalbufar, die Volta des General, ist ebenfalls ein öffentlicher Weg.
Das Argument, daß Richard Branson Arbeitsplätze schaffen will, hält Antoni Mora für unsinnig: ,,In Banyalbufar gibt es fünf Arbeitslose, die Leute leben hier ruhig, viele arbeiten in Palma oder leben vom touristischen Durchgangsverkehr. Wir arbeiten mit FODESMA und dem Consell Insular zusammen, was den Erhalt der margades anbetrifft.”
Kleine Brötchen wird der Unternehmer Richard Branson, der sich früher als Hippie und Freak verstanden hat, weil ihn Mike Oldfield, Genesis und die Rolling Stones zum Multimilliardär machten, schon nicht backen müssen. Aber den ganz großen Coup hat ihm Antoni Mora erstmal vermasselt. Den derzeitigen Bürgermeister von Banyalbufar bedrückt, welche Entscheidung die Regierungsbehörden in Bezug auf die gesamte Serra de Tramuntana treffen. In deren Hand liegt es nämlich, strikte Normen vorzugeben, in welcher Form in Zukunft in den von Tourismus und Urbanisationen noch verschonten Gebieten gebaut werden darf.

 
  
 
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