Banyalbufar ist ein kleines Dorf an einem der Berghänge der
Serra de Tramuntana.
Das ist der Ort mit dem Blick auf das dunkle Blau des Mittelmeers. Und
da ist noch das hell-transparentere Blau des Himmels. Die beiden trennt
der Horizont. Manchmal scheint es, als wäre er von unsichtbarer Hand
mit dem Lineal gezogen worden. Manchmal ist er zart und kaum wahrnehmbar.
Und dann wieder gibt es Tage, an denen sich der Horizont zu einem verschwommenen,
undefinierbaren Etwas verwandelt. Wie auch immer es mit dem Horizont bestellt
sein mag, Banyalbufar gehört zu den idealen Orten, an denen man dabei
sein kann, wenn die Sonne abends langsam im Meer versinkt.
In Banyalbufar könnten die Gelehrten in Sachen Kunst ihren
Schülern all die bildnerischen Elemente vorführen, die die Natur
dem Maler an künstlerischen Gesetzen vorgibt. Sie sind die ideale
Basis für den Aufbau eines Bildes: Die Terrassen bilden den ornamentalen
Bildaufbau im Rahmen eines Gesamtkunstwerks, das sich Banyalbufar nennt.
Die Steinmauern in sich selbst sind Ornamente, in denen sich unregelmäßige
Naturelemente zu einem geordneten Ganzen zusammenfügen.
Das Dorf zieht sich, der natürlichen und ornamentalen Terrassenkultur
folgend, vom Meer aus einen hundert Meter hohen Berghang bis zu dem Fuße
der südwestlichen Serra de Tramuntana empor. Der Name Banyalbufar
ist von dem arabischen Begriff buniola al bahar abgeleitet und das heißt:
kleiner Weingarten am Meer.
Irgendwann, in der Zeit, als die Menschen auf den Balearen genügend
Erfahrung mit dem Bau von Talaiots, Taulas und Navetes gesammelt hatten,
begannen sie damit, das für sie so lebensnotwendige und kostbare
Wasser aus ihren Quellen zu sammeln und Bewässerungsanlagen zu errichten.
Die Achse, um die sich die Wasserversorgung Banyalbufars dreht, wird majil
genannt.
Die pauschale Aussage, die Araber hätten auf den Balearen das Bewässerungssystem
eingeführt, ist aus der Sicht der Historiker wissenschaftlich nicht
haltbar. Sie haben, als sie die Inseln zu besiedeln begannen, ein bereits
jahrhunderte-, vermutlich aber jahrtausendealtes Bewässerungssystem
vorgefunden und sind mit diesem sorgsam umgegangen. Die Araber haben die
Kanäle, die sequias, erneuert, ausgebaut und vielleicht zu der legendären
technischen Vollkommenheit entwickelt.
So wird es sich wohl auch in Banyalbufar abgespielt haben.
Das Bewässerungssystem, das majil, ist einzigartig. Dem Betrachter
zeigen sich treppenweise angeordnete Wasserreservoirs, doch deren genaue
architektonische Funktionalität ist für ihn schwer nachvollziehbar.
Es ist ein überaus geschicktes System von Wasserzuteilung und Bewässerung.
Wasser aus 24 Quellen wurde über die sequias an den Olivenhainen
vorbei zu Obstbäumen und Gärten geleitet. Weil zwischen Mai
und September mit wenig Regen zu rechnen ist, mußten die Winter-
und Frühjahrsniederschläge in Zisternen und Wasserreservoirs,
den safareigs, gespeichert werden. Über Leitungen und Gräben
wurde in den Sommermonaten das Wasser den Baum- und Gemüsegärten
zugeteilt. Kunsthistoriker messen dem Bewässerungssystem wegen ihrer
architektonischen Vollkommenheit große Bedeutung zu. Für sie
sind die Kanäle, Wasserreservoirs und Zisternen, die das Quellwasser
des Dorfes sammelten, Kunstwerke wie Kathedralen oder Klöster. Doch
sie müssen auch staunend zugeben, daß diese vom künstlerischen
Anspruch her faszinierende Architektur eben auch einfach gut funktioniert
hat.
Das ausgeklügelte Bewässerungssystem brachte den Banyalbuferinos
Wohlstand. Es wurden Weingärten angelegt, man züchtete eine
Rebensorte mit dem Namen malvasia. Aus den Trauben wurde ein Wein gleichen
Namens gekeltert. Ein Muskateller, ein Dessertwein mit leichtem Sherrygeschmack.
Auf den fruchtbaren Terrassen Banyalbufars wurden die Sorten Tomaten gezüchtet,
die für die ramallers, die Tomatenzöpfe, verwendet werden. Diese
sind das ganze Jahr über haltbar, und man betrieb einen regen Handel
mit Palma und Barcelona. Banyalbufar bekam 1914 als drittes Dorf Mallorcas
Elektrizität. In den zwanziger Jahren zählte Banyalbufar zu
den reichsten Gemeinden der Insel. Dem Dessertwein setzte die Reblaus
ein Ende. Die Tomatenzöpfe verloren an Attraktivität in dem
Maße, als andere Formen der Konservierung von Nahrungsmitteln ihren
Siegeszug antraten.
Seit den Zeiten der arabischen Alquerias gehörten zu Banyalbufar
die possesiós: Planicia, Son Valentí, Son Balanguer, Son
Bujosa, Son Sanutge und Son Bunyola. Die meisten der 2000 Gärten
Banyalbufars gehörten diesen Großgrundbesitzern. Sie fanden
keine Mittel gegen die aus Amerika eingeschleppte Reblausplage, ihre Erben
keinen Gefallen an der Landwirtschaft. Also verhökerten sie die Terrassenfelder
an landlose Bauern, die Gemüsekulturen zwischen wenigen Obst- und
Mandelbäumen anpflanzten. Heute gibt es nur noch einen Bauern, der
von der Landwirtschaft lebt. Die Bewohner des Dorfes haben ihre kleinen
Gemüsegärten für den eigenen Bedarf, und nicht nur der
Bürgermeister, Antoni Mora, hat einen kleinen Weingarten, auf dem
er die malvasia hegt und pflegt. In Zusammenarbeit mit der Universität
von Barcelona versucht man, diese Rebenart wieder überlebensfähig
zu machen, ein Prozeß, der lange währt und viel Geduld erfordert.
Banyalbufar, der ideale Hintergrund fürs Urlaubsfoto.
In Banyalbufar, bevorzugt am Torre de Ses Animes, halten
die Touristenbusse, jeder Reiseführer empfiehlt, dort Station
zu machen.
Die Landschaft mit dem Blick auf das Meer und den 932 Meter
hohen Mola de Planicia im Hintergrund ist auch so unbeschreiblich
schön, daß jede Pocketkamera noch Fotos zaubert, mit
denen sich der reisende Gelegenheitsfotograf als Künstler verstehen
kann. Für Handicams gilt gleiches. Der ursprüngliche Charakter
des Dorfes ist noch im wesentlichen deswegen erhalten geblieben,
weil die Straße von Palma nach Banyalbufar immer extrem schmal
und holprig gewesen war. Man fuhr immer schon relativ flott mit
Kutschen, Pferden und Mulis über Valldemossa nach Deià.
Die neun Kilometer Landstraße zwischen Estellencs und Banyalbufar
war zwar für die Reisenden des letzten Jahrhunderts mühsam;
nicht so für die Post. Diese setzte zuverlässig und regelmäßig
zunächst Postkutschen, später dann Autobusse ein.
Geschichten...
Drehen wir das Rad der Geschichte zurück: Was wäre
geschehen, wenn Madame Sand für ihren tuberkulösen Musiker
ein Haus in Banyalbufar angemietet hätte? Würde dann in
La Baronia heute täglich und immer wieder die Tasten
des Flügels mit der Regentropfen-Prelude von Chopin malträtiert
werden? Was wäre gewesen, wenn der gute Erzherzog sich in eine
der Schönen aus Banyalbufar verliebt hätte? Gut, daß
es nicht so gekommen ist, denn sonst wäre das Dorf nicht mehr
das, was es heute ist.
Erzherzog Ludwig Salvator berichtete nur kurz über Banyalbufar
und bezeichnete die Malvasiatrauben als vortrefflich. Die Gassen
des Dorfes seien mit Ausnahme der Fahrstrasse sehr eng und meist
schlecht gepflastert, die Umgebung sei reizend. Er hat
auch einen Abstecher nach Son Bunyola gemacht: ,,Dem Ansehen nach
scheint das Haus sehr alten Ursprungs und in früheren Zeiten
zur Vertheidigung bestimmt gewesen zu sein. Andere Orte auf
der Insel widmete er sich sehr viel intensiver, be-schrieb sie eindrücklicher.
In Banyalbufar scheint er Rast gemacht zu haben, um zu seinem Lieblingsort
an der Küste zwischen Valldemossa und Deià anzukommen.
Dort werden seine Kapitel ausführlich, jedes Detail schien
ihm wichtig und er schrieb dann auch, Son Marroig sei eben der schönste
Ort auf dieser Welt. Und so wie er und George Sand, die mit ihren
beiden Kindern und dem kränklichen Lebensgefährten, Frederic
Chopin, sich eher auf der Durchreise befanden, fahren auch heute
die Autobusse einfach durch Banyalbufar durch, um vor Son Marroig
und in Valldemossa zu parken.
Es gibt mehrere Landgüter, deren ehemalige Eigentümer
die Großgrundbesitzer von Banyalbufar waren. Wenn wir uns
hier dem Anwesen Son Bunyolas intensiver widmen, so deshalb, weil
um dieses Anwesen ein heftiger Streit zwischen einem ausländischen
Großinvestor und der Gemeinde entstand, der in die Annalen
des kleinen Dorfes eingehen wird. Und hoffentlich kann Banyalbufar
mit seiner beispielhaften Standhaftigkeit und Unbestechlichkeit
Einfluß nehmen auf die Besiedelungspolitik der Balearen.
Geschichte
Die ersten Eintragungen über den Bau der Wachtürme
stammen aus dem 16. Jahrhundert. Das breite Bergtal, das an der
Playa de Son Bunyola endet, versprach denen, die mit dem Bau des
Anwesens begannen, wegen der fruchtbaren Erde und der Wasservorkommen
eine ertragreiche Landwirtschaft. Doch Piraten trieben ihr Unwesen,
und so begann man den Bau des Anwesens mit Wachtürmen. Der
älteste Teil des Wohnhauses ist der südliche Trakt in
Richtung zum Meer. Im Verlauf vieler Jahrzehnte entstand ein Landgut
von beeindruckenden Ausmaßen. Der Familie Dameto, die sich
ab dem Jahre 1637 Marques de Bellpiug nennen durfte,
bot es einen adäquaten Rahmen für ihren Adelstitel und
den damit verbundenen Lebensstil. Man taftelte in Räumen mit
farben-prächtigen Fliesen und Wandvertäfelung aus Marmor.
Es gibt keine Arkaden wie in Son Marroig, die Fenster sind eher
klein, Fensterläden schützen vor der Hitze des Sommers.
Son Bunyola ist nicht vergleichbar mit der Großzügigkeit
der von dem Stil der Habsburgermonarchie beeinflußten Architektur
Son Marroigs.
Das Terrain von Son Bunyola umfaßt sechs Millionen
Quadratmeter. Da sind Pinienwälder und Eichenhaine, Terrassen
mit Olivenbäumen. Hunderte von Landarbeitern ernteten Oliven,
die dann in der tafona von Son Bunyola zu Öl verarbeitet wurden.
Wie andere possesiós auch, war es ein autarkes Gut, auf dem
alles produziert wurde, was die dort lebenden Menschen brauchten.
Brennholz, Öl, Gemüse wurden in den nahe gelegenen Dörfern
zum Verkauf angeboten. Alles in allem ein einträgliches Unternehmen
für die Marqueses.
Der schlechte Zustand der tafona und die nicht mehr ganz
intakten Fliesen störten Richard Branson sicher nicht, als
er 1994 Son Bunyola und damit ein Drittel des Gesamtgeländes
der Gemeinde Banyalbufar aufkaufte. Er wird das Gut auch nicht wegen
der Madonna in der Kapelle wegen erworben haben. Sein Vermögen
wird auf über zwei Milliarden US-Dollar geschätzt. Sein
Anliegen ist natürlich, diese nicht unbeträchtliche Summe
ohne Rücksicht auf Verluste und ohne Sensibilität für
Umwelt und Landschaft zu vermehren. Damals sahen die Chancen für
ihn noch ganz gut aus. Der Bürgermeister von Banyalbufar, Mitglied
der konservativen PP, machte mit dem Milliardär einen Deal
aus, der in etwa so aussehen sollte: 25 Villenprojekte, eine Erweiterung
des Anwesens von Son Bunyola in einer Größenordung von
25%. Neben Banyalbufar sollte eine Reiche-Leute-Gegend entstehen,
wie man sie aus Son Vida kennt. Statt Olivenhainen und Pinienwäldern
eine Villengegend. Jedes Haus mit hohen Mauern und von privaten
Sicherheitsdiensten geschützt. Der einzige Kontakt zur Außenwelt:
die Gegensprechanlage. Doch seit 1991 gibt es die Unabhängige
Wählergemeinschaft für Banyalbufar, deren Vorsitzender
Antoni Mora war und der heute Bürgermeister von Banyalbufar
ist. Sie setzen sich dafür ein, daß Banyalbufar einfach
so bleibt, wie es ist. Daß vielleicht eines Tages wieder Flaschen
des Malvasia in Produktion gehen; und man einen Weg
findet, damit der Reibach, den die Hoteliers an der Küste machen,
auch denen zugute kommt, deren Dörfer von den Touristen heimgesucht
werden.
Erst waren die Independents per Banyalbufar in
der Opposition im Stadtrat der Gemeinde. Dann kamen die Wahlen im
Mai 1995, bei denen Antoni Mora zum Bür-germeister gewählt
wurde. Er gibt sich in bezug auf Branson gelassen: ,,Zwei Wochen,
bevor in Banyalbufar Wahlen stattgefunden haben, genehmigte mein
Vorgänger im Amt zwei Bauvorhaben Richard Bransons. Die Ausführung
dieser Bauvorhaben können wir zwar beeinflussen, wir können
sie jedoch nicht mehr verhindern. Richard Branson wird Son
Bunyola zu einem Nobel-Hotel ausbauen. Es wird jedoch keinen Privatstrand
haben wie die Residencia in Deià, die ihm ebenfalls gehört.
Die Playa von Son Bunyola ist öffentliches Gelände, vielleicht
gibt die Gemeinde Richard Branson eine Genehmigung, dort einen Eisstand
aufzustellen. Der gesamte Wanderweg zwischen Port de Canonge und
Banyalbufar, die Volta des General, ist ebenfalls ein öffentlicher
Weg.
Das Argument, daß Richard Branson Arbeitsplätze schaffen
will, hält Antoni Mora für unsinnig: ,,In Banyalbufar
gibt es fünf Arbeitslose, die Leute leben hier ruhig, viele
arbeiten in Palma oder leben vom touristischen Durchgangsverkehr.
Wir arbeiten mit FODESMA und dem Consell Insular zusammen, was den
Erhalt der margades anbetrifft.
Kleine Brötchen wird der Unternehmer Richard Branson, der sich
früher als Hippie und Freak verstanden hat, weil ihn Mike Oldfield,
Genesis und die Rolling Stones zum Multimilliardär machten,
schon nicht backen müssen. Aber den ganz großen Coup
hat ihm Antoni Mora erstmal vermasselt. Den derzeitigen Bürgermeister
von Banyalbufar bedrückt, welche Entscheidung die Regierungsbehörden
in Bezug auf die gesamte Serra de Tramuntana treffen. In deren Hand
liegt es nämlich, strikte Normen vorzugeben, in welcher Form
in Zukunft in den von Tourismus und Urbanisationen noch verschonten
Gebieten gebaut werden darf.
Quelle: LEBEN auf den Balearen Die
Zeitschrift in deutscher Sprache