In den Bergen der Tramuntana liegt zwischen
Valldemossa, Puigpunyent und Banyalbufar das Örtchen Esporlas.
Auf dem ersten Blick scheint es ein ganz normales mallorquinisches Bergdorf
zu sein. Doch dem ist nicht so. In dieser Märchen-Landschaft schmolzen
schon immer Fantasie und Realität zusammen. Genauso wie Aberglauben
und Sinnlichkeit. Legenden wurden gebildet und von Generation zu Generation
übertragen. Und wer sich erst mal in die Tiefen des Tals begibt,
in denen das Herz von Esporlas schlägt, kann selbst jetzt noch
den magischen Zauber der Landschaft und deren Bewohner spüren.
Dorf und Bewohner
Ende Oktober beginnen die ersten Winter-Vorbereitungen in
Esporles. In den Gärten sägen und stapeln die Hausbesitzer
Brennholz. Im Viertel Es Verger, wo die etwas besser situierten
Leute leben, werden die Heizöltanks vollgepumpt. Der örtliche
Schreinermeister, Jaume, muß in dieser Zeit rund um die Uhr
zimmern, um die defekten Persianas wieder in Schuß zu bringen.
Es herrscht in Esporles ein reges Treiben. Denn die Leute wissen,
was wieder auf sie zukommt: Ein langer und feuchter Winter. Nirgends
auf Mallorca werden die Tage in dieser Jahreszeit so kurz wie in
Esporles. Und es gibt fast keinen Platz im Sonnenparadies Mallorca,
wo so viel Regen fällt.
Diese Erfahrung mußte auch Isabel machen, die seit
vier Jahren zu den 3600 Einwohnern zählt: "In Esporles
ist es viel zu feucht und sehr kalt im Winter", stöhnt
die 34jährige. Trotzdem will sie hier unbedingt seßhaft
bleiben, weil Esporlas für sie "der schönste Ort
der Insel ist." Nicht ohne Grund hat die aus Madrid stammende
Spanierin zusammen mit vier Freunden vor wenigen Monaten eine kleine
Pension mit Restaurantbetrieb gepachtet: das "Hostal Central".
Es ist im Herzen Esporles auf dem kleinen von Platanen-Kronen überdachten
Plaza España wie ein kleiner Schatz liegt. Versteckt zwischen
sieben Bäumen, deren mächtige Stämme fast einen Meter
Umfang messen. Alles wirkt wie eine Kulisse aus einem Märchenfilm.
Nur unter der Bedingung, daß dies auch in Zukunft so
bleibt, hat die mallorquinische Besitzerin Maria Ruitort Bestart
ihren seit Generationen in Familienbesitz befindenden Erbe schweren
Herzens in fremde Hände übergeben. Und auch die anderen
Dorfbewohner hätten wahrscheinlich nicht tatenlos zugesehen,
wie ihr Dorf verunstaltet wird. Denn schon seit jeher haben sie
ihren Stolz und sich gegen jede Form von Unrecht gewehrt.
Geschichte
Als anno 1420 bei der "Revolta Forana" die Außenbezirke
Palmas sich auflehnten, mischte Esporles genauso mit wie bei der
"Germanies", die Revolution der Dörfer der Insel,
im Jahre 1520. Daß sich die 14 Kilometer von Palma entfernte
Gemeinde sich nicht ohne weiteres unterdrücken läßt,
zeigte sich auch im spanischen Bürgerkrieg. Nirgends auf Mallorca
wurde dem Franco-Regime soviel Widerstand entgegengebracht wie in
Esporlas. Die Auflehnung der Menschen gegenüber dem Diktator
spricht für ihr humanes Denken. Doch sie handelten in der Geschichte
nicht immer nur menschlich. "Das bekamen vor allem Frauen zu
spüren, die der Hexerei bezichtigt wurden", erzählt
mir Miguel, der hier in der Gegend aufgewachsen ist und der als
Kind an so manchen Winterabenden schaurige Hexengeschichten von
seinen Großeltern erzählt bekam. Von "brujas blancas",
positiven Hexen, die den Menschen Gutes taten. Und von den "brujas
negras", denen die Verantwortung für das Böse zugeschrieben
wurde. Egal ob weiß oder schwarz, am Ende starben die der
Hexerei bezichtigten Frauen meist keines natürlichen Todes.
"Das ist hier zwar immer noch ein Tabu-Thema", weiß
Miguel, "doch die Alten überliefern diese Geschichten
noch immer."
Daß hier in Esporles, wo im Winter die Sonne schon
zwischen drei und vier Uhr nachmittags hinter den Bergen abtaucht
und sich ein Schleier der Melancholie über Mensch und Natur
ausbreitet, Aberglaube gedeiht und Legenden keimen, ist nur nachvollziehbar.
Diese Atmosphäre versprüht etwas Unheimliches, aber auch
etwas unbeschreiblich Schönes. Man wird zwangsläufig an
die bombastischen romantischen Naturdarstellungen von Caspar David
Friedrich erinnert, der mit den Stimmungen seiner Gemälde die
Zustände der menschlichen Seele aufzeigen wollte.
Diesen Anspruch stellen Ingrid und Elfriede sicher nicht
an ihre Bilder. Die beiden Frauen, die ihren Urlaub auf Mallorca
mit einem Malkurs kombinieren, sitzen auf einer kleinen Brücke
in der "Carrer de San Pere" mit der Staffelei in der Hand
und versuchen, einen pintoresken Ausschnitt mit Aquarellfarben auf
dem Malblock festzuhalten. Ihr Blickfeld: Eine lange Gasse, links
und rechts säumen wie aneinandergereihte Perlen kleine mallorquischen
Häuser die Seiten, am Ende bleibt der Blick dann auf der mächtigen
Kirche aus dem 17. Jahrhundert haften. Doch damit nicht genug. Den
Hintergrund ziert der "Fira del Ram", der mit 890 Metern
höchste Berg von Esporles, auf dem das Gipfelkreuz in der Abendsonne
golden glänzt. "Südliche Impressionen, asymetrische
Gebäude und eine tolle Farbenpracht. Esporles bietet Motive
ohne Ende", sagt Kursleiter Herbert, der ansonsten als Dozent
an der europäischen Kunstakademie in Trier sein Wissen weitergibt.
Die ganze Pallette an Grüntönen kann er seinen Schülerinnen
ohne Schwierigkeiten an einem Ausschnitt des "torrente"
erläutern. Denn der ausgetrocknete fünf Meter breite und
drei Meter tiefe Gebirgsbach, der sich wie ein Grenz-Graben durch
das ganze Tal zieht, ist zugewuchert von Fanen und Efeugewächsen
wie ein Dschungel. Dazwischen strahlen die violetten und weinroten
Blüten der Bougainvillas.
Parallel zum großen Graben verläuft die PM 112,
die sich wie eine Hauptschlagader durch Esporles zieht. Hier sind
die meisten Geschäfte angesiedelt, hier pulsiert das Leben.
Hier werden aber auch Fahrzeuge ohne Ende durchgeschleust, so daß
an manchen Tagen der Verkehrsinfarkt droht. Hauptknotenpunkt ist
dabei die unmittelbare Gegend der Kirche, der gegenüber das
Ayuntamiento steht. Vor dem modern eingerichteten Rathaus steht
eine Bronzeskulptur in einem Springbrunnen. Sie zeigt eine zierliche
Frau, die eine Spinnerin darstellt: "La Filadora". Diese
soll an eine Epoche erinnern, die Esporles sehr prägte: das
Zeitalter der Textilindustrie. Ab 1870 verdrängte die Textilindustrie
die Landwirtschaft in Esporles, und der Ort entwickelte sich zum
wichtigsten Standort dieses Wirtschaftszweiges auf Mallorca. Diese
Vorherrschaft hielt bis Anfang der 60er Jahre an und prägte
nachhaltig diesen Ort und dessen Bewohner. Denn durch die frühere
Industrialisierung waren die Bürger von Esporles den übrigen
Mallorquinern der Zeit schon etwas voraus. Sie hatten fortschrittlichere
Bräuche, kleideten sich moderner und konnten vor allem durch
das Gut "La Granja" viel eher auf die Erfindung der Elektrizität
zurückgreifen.
Gerichte
Die Durchgangsstraße sehen die Einwohner jedoch mit gemischten
Gefühlen. Einerseits ist sie der Nabel des Ortes, der das Tal
mit der Außenwelt verbindet und wo sich das gesellschaftliche
Leben zentriert. Andererseits paßt sie in die Märchenlandschaft
wie ein Flipperautomat in Palmas Kathedrale.
Viel besser paßt dagegen der Kindergarten der "monjas"
ins Bild von Esporles. In einer schmalen Gasse gelegen werden hier
bis zu 15 Kinder unter der Obhut von Nonnen betreut. Auf den ersten
Blick unterscheidet sich dieser Kindergarten nicht von anderen:
Überall liegen Spielzeuge verstreut, handgemalte Bilder hängen
an den Wänden, und die Kinder laufen bunt durcheinander. Doch
ein Raum sticht hervor: Der Schlafsaal. Denn dort sieht es aus wie
bei Schneewitchen und den sieben Zwergen: In einer Reihe aufgereiht
stehen zehn kleine Kinderbettchen, in denen die Kleinen ein Mittagsschläfchen
abhalten können. Von den fünf Nonnen, die den Kindergarten
leiten, sind drei weltliche, die man äußerlich gar nicht
als solche erkennt. Alle "monjas" sind im Ort äußerst
beliebt. Nicht zuletzt wegen ihres großen Kräutergartens,
aus dem andere Dorfbewohner mit versorgt werden. So werden beispielsweise
auch die Gerichte im "Hostal Central" mit den Nonnen-Gewürzen
bereichert. Außerdem steht ihr Haus für alle Kinder offen.
Denn die Eltern brauchen immer nur soviel für die Unterbringen
bezahlen, wie sie wollen oder können.
Weniger gesittet als bei den Nonnen geht es in der "Blu Bar"
zu. Dies ist die Kneipe, in der am Wochenende meisten die Post abgeht.
Ihr Markenzeichen: laute Musik, gute Drinks und Party-Time, bis
der Wirt keine Lust mehr hat oder nicht mehr kann. Denn "Xisco"
ist selbst kein Kind von Traurigkeit und stößt gerne
mal mit seinen Gästen an. "Ansonsten kann man sich hier
in Esporles nicht die Nacht um die Ohren schlagen", sagt Katrin,
die im Moment auch gar keine Zeit zum Feiern hat. Sie gehört
mit zu den fünf Pächtern des Hostals und ist voll mit
den Wintervorbereitungen beschäftigt.
Gutshof: "La Granja"
Wenn man die traumhafte Route über Puigpunyent wählt,
um nach Esporles zu gelangen, kommt man über die sich scheinbar
endlos schlängelnde Bergstraße direkt zum Landgut "La
Granja". Der Name bedeutet zwar schlicht Bauernhof, "La
Granja" ist jedoch ein feudaler Herrensitz.
Schon in den 70er Jahren fing die damalige Besitzerfamilie Fortuny
damit an, das in einem sehr üppig bewachsenen Tal gelegene
Landgut in eine Art Freilichtmuseum umzugestalten. Schattige Gärten
mit Fontänen und Wasserspielen erinnern an die arabischen Gründer.
Das Haupthaus hat von außen Schloßcharakter. Innen ist
das Gebäude nicht so prunkvoll gestaltet. Dafür kann der
Besucher in den Räumen das gesellschaftliche Leben der Mallorquiner
früherer Generationen nachvollziehen, denn "La Granja"
zeigt exemplarisch das Leben in einer alten "Possessió",
in der die Bewohner einst völlig autark lebten.
Mittwoch- und Freitagnachmittag wird ein "mallorquinisches
Fest" angeboten. Dann werden die Werkstätten von richtigen
Schuhmachern, Webern, Töpfern und Stickerinnen bevölkert,
die allesamt mallorquinische Trachten tragen.
Am Ende des Rundgangs winkt eine Weinprobe mit köstlichen Tropfen.
Dazu kann man "Bunyols" naschen, das aus Kartoffeln hergestellte
süße Schmalzgebäck.
Das Landgut "La Granja" ist täglich von 10 bis 18
Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt rund 1500 Peseten pro
Person, für Kinder 900 Peseten.
Quelle: LEBEN auf den Balearen Die
Zeitschrift in deutscher Sprache