Das schönste Dorf Spaniens versteckt eine bewegte Geschichte
hinter
perfekten Natursteinmauern
Wer in den frühen Morgenstunden über die Hauptstraße,
der Carrer Major, nach Fornalutx hinein fährt, erlebt ein kleines
Wunder. Dann nämlich scheint das neunkleinste Dorf Mallorcas einem
verlassenen Freilichtmuseum gleich, das nach Stille und Unberührtheit
förmlich nur so riecht.
Um die Mittagszeit ist es mit der Ruhe allerdings vorbei. Ähnlich
wie in Valldemossa und Deià zieht auch Fornalutx Heerscharen von
Touristen an. Und das an 365 Tagen im Jahr. Grund dafür ist die außergewöhnliche
Schönheit der Dorfanlage und ihrer märchenhaften Naturumgebung,
die sich wie ein unendliches Gemälde zwischen den Bergzügen
der Tramuntana ergießt.
Rechts, links und mittendrin zieren Orangen- und Zitronenhaine das Bild
dieses verträumten Natursteindorfes. Nicht umsonst heimste sich das
Gemeindeamt im Jahre1983 den vom Tourismusverband verliehenen Preis für
das schönste Dorf Spaniens ein.
Der Name Fornalutx stammt von dem römisch-lateinischem Begriff
,,Fornalucem ab und bedeutet soviel wie Ofen und Feuer (span. ,,horno
y fuego), Elemente, die sich auch im Wappen des Dorfes wiederfinden.
Diese Bezeichnung bringt übrigens den Verdacht nahe, dass es sich
bei den ersten Häusern der Siedlung um eine antike Schmiede handelte.
Die Endsilbe ,,-utx ist die arabische Abwandlung der römischen
Endung ,,-ucem .Die Bezeichnung als Wohnort taucht in italienischen
Geschichtsbüchern aus dem Jahre 1484 das erste Mal auf. Dort wird
die Kirche von ,,Fornalugi erwähnt. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts
gilt Fornalutx nur als ein höher gelegener Gemeindebezirk der Stadt
Soller. Erst 1837 wird aus ihm ein eigenständiger Wohnort. Der eigentliche
Dorfbezirk beginnt in einer Gegend, die als Clot de Fornalutx
bekannt ist, um im nordöstlichen Teil des Tals von Sóller
166 Meter über dem Meeresspiegel gelegen ist. Das Gemeindegebiet
Fornalutx ist von fast 1000 Meter hohen Bergen förmlich umzingelt.
Es schlummert zwischen den Gipfeln des Puig de sAlzinar (931m),
dem Collet de Bini (890m), dem Puig del Senyor Nofre (860m) und dem Puig
des Ferro (1330m).
Geschichte
Die eigentliche Geschichte des Dorfes beginnt übrigens
genau genommen dort, wo für sie für viele andere bereits
zu Ende war.
Im 14. Jahrhundert wütete die Pest in den meisten Regionen
Europas und raffte einen großen Teil seiner Bewohner nieder.
Auch die Balearen blieben von der Seuche nicht verschont. So starb
der Großteil der Familien aus, die in Fornalutx lebten. Der
damalige Herrscher Mallorcas, König Sanç, dessen Residenz
noch heute in Valldemossa zu finden ist, kam jedoch auf eine außergewöhnliche
Idee, um die Bevölkerungszahl seiner ihm Untergebenen wiederzubeleben.
Auf seinen Reisen hatte er Jahrzehnte zuvor bereits viele
Länder des Mittelmeeres kennengelernt. Von Norditalien war
er aber meisten fasziniert gewesen. So ließ er königliche
Botschafter auf einem Schiff nach Italien schicken. Seine Abgesandten
machten mehreren Familien in der Nähe von Donarotti im Norden
des italienischen Reiches das Angebot, nach Mallorca zu kommen,
um dort in den verlassenen Häusern von Fornalutx ein neues
Leben zu beginnen. Als besonderen Reiz offerierte er ihnen den bedingungslosen
Schutz seines Königsreiches und jahrzehntelange Abgabenfreiheit.
Dieses Angebot muß einen guten Eindruck bei den Italienern
hinterlassen haben.
Nur wenige Monate später kehrten mehrere Familien unter
der Flagge von Rey Sancho nach Palma zurück und besiedelten
die ausgestorbene Gegend oberhalb Sóllers. Die friedlichen
Zeiten auf den Inseln und ein für damalige Verhältnisse
außerordentlicher Wohlstand liessen die Gegend schon bald
wieder aufblühen. Die neuen Einwohner verstanden es aber nicht
nur die fruchtbaren Felder wieder in den Griff zu bekommen, sondern
zeigten sich auch als Außendekorateure ihrer Eigenheime von
großer Kunstfertigkeit. Sie bemalten die Kacheln der Dachüberstände
ihrer Häuser mit farbigen Mosaiken und Formen.
Diese Tradition wurde später über Jahrhunderte von Generation
zu Generation weitergegeben und ist heutzutage noch an 28 Häusern
des Dorfes auszumachen. Ein Detail, das Fornalutx im Laufe der Geschichte
zum Unikum unter Spaniens Dörfern werden ließ. 1972 wurde
das Dorf aus diesem Grund auch unter Denkmalschutz gestellt.
Ein knappes Jahrtausend nach König Sancho war es wiederum ein
anderer Herrscher, der Fornalutx zu einem besonderen Ort in der
Geschichte der Balearen werden ließ.
Spaniens faschistischer Diktator Franco hatte sich im Laufe seiner
Regierungszeit ebenso wie in Katalonien auch auf den Balearen nicht
gerade beliebt gemacht. Ein Grund dafür war, unter vielen anderen,
das Verbot der eigenen Sprache und die Standardisierung von hochspanischen
Straßennamen und öffentlichen Plätzen. Alle zentralen
Punkte der Dörfer und Städte Spaniens erhielten im Zuge
von Francos sprachlicher Gleichschaltung die Bezeichnung
Plaza España, und so mancher Gemeindeweg hieß plötzlich
Calle Generalísimo Franco. Nach seinem Tod verschwanden
zumindest die Straßenschilder mit dem Namen des Obergenerals.
Wer heute durch Fornalutx schlendert, findet im Ortskern der Gemeinde
allerdings beide Namen wieder. Aus der kastillischen Bezeichnung
Calle machten die Leute aus Fornalutx jedoch das katalonische
Synomim Carrer und aus dem Generalísimo
wurde ein einfacher General. Das, so hofften die Einwohner, würden
den eitlen Diktator dazu veranlassen, sich noch im Grabe vor Ärger
umzudrehen. Rache ist eben süß. Auch in Fornalutx.
Gegenwart
Heute gilt das von seinen Bewohnern (im wahrsten Sinne des
italienischen Wortes) picobello-sauber gehaltene Dorf
als Start- und Endziel von traumhaften Ausflügen hinunter ins
Tal nach Sóller oder hinauf ins oberhalb gelegene Gebirge.
Wer vom Rathaus, dem ehemaligen Herrensitz Ca nArbona,
die Natursteintreppen hinuntersteigt, gelangt zu dem malerischen
Wasserlauf des Dorfes. Hier sprudelt ein kristallklarer Bach aus
den Bergen hinab ins Tal und sorgt auch in den heißen Sommermonaten
für eine immergrüne Vegetation, in der Orangen- und Zitronenbäume
ein Paradies entdeckt zu haben scheinen.
In dieser Idylle kann dann auch der Rest des Ortes das ganze Jahr über die Tausenden von Wochendausflügler, Urlaubs-, Trekker-
und Kaffee-Touristen mit einer schier unendlichen Geduld ertragen.
Die heutigen Bewohner von Fornalutx sprechen in der Mehrzahl nur
wenig akzentfreies Spanisch oder Katalonisch. Genauer gesagt handelt
es sich bei den meisten um zugezogene Ausländer, Künstler
aller Sparten und aus aller Herren Länder. Sie haben in dem
pittoresken Vorzeige-Ort ein Kaleidoskop von Motiven und Inspirationen
gefunden.
Wer nachvollziehen will, warum die Künstler gerade an
diesem Ort seßhaft geworden sind, sollte Fornalutx am besten
bei Sonnenaufgang besuchen.
Quelle: LEBEN auf den Balearen Die
Zeitschrift in deutscher Sprache