Auf einem Hügel 100 Meter über dem
Meeresspiegel liegt im Nordosten Mallorcas Muro. Die Gemeinde wurde
im Jahre 1300 von König Jaime II zur Kleinstadt ernannt und gehört
zu den ältesten der Insel. Bis vor 40 Jahren war die Landwirtschaft
hier noch die Haupteinnahme-Quelle. Heute verdienen die 6000 Einwohner
ihren Lebensunterhalt zumeist mit dem Tourismus und im Baugewerbe.
Muro hat mit der Pfarrkirche, dem Santa Ana Kloster und anderen
sehenswerten Bauwerken wunderschöne künstlerische und architektonische
Sehenswürdigkeiten zu bieten. Und auch die Lage der Ortschaft ist
einmalig. Denn sie überblickt das fruchtbare Landwirtschaftstal
von "Marjals", die Bucht von Alcudia und die große Lagune
"Albufera". Die nördliche Bergkette schützt die
"Mureros" vor Wind und Frost. Die Höhenlage schützt
sie vor Überschwemmungen. Doch es gibt etwas, vor dem vor allem
die jungen Bewohner Muros nicht geweiht sind: die Langeweile. Denn außer
einer großen Sportanlage gibt es kaum ein Freizeitangebot. Und
auch für die meisten Bars gilt: Bonjour Tristesse.
Leben
Auf dem Weg zu Ana von Sineu nach Muro überhole ich
ein altes mallorquinisches Ehepaar. Es kauert auf einem Karren,
der von einem Maulesel gezogen wird. Im Schritt-Tempo zockelt
das mit Obst und Gemüse beladene Gespann über die enge
von Steinmauern umgebene PMV 344 - 2. Ich frage mich: "Sind
die beiden wohl genauso fasziniert vom Tramuntana-Gebirge, das
mich trotz einiger Kilometer Entfernung beschützend nach
Muro zu begleiten scheint, wie ich?" Egal. Nach einer langen
Geraden erreiche ich, wie es scheint, Muro durch den Hintereingang.
Zur Rechten und Linken einfache Bauernhäuser. Viele davon
baufällig. Ein Kontrast zur traumhaften Natur außerhalb
des Ortes. Doch die Menschen zeigen sich sehr freundlich. Meine
Frage nach der Calle Juan Palou, in der meine Bekannte wohnt,
beantwortet mir ein Bauarbeiter zuvorkommend. Bei Hausnummer 3
angekommen, lese ich an einer unauffälligen typisch mallorquinischen
Fassade auf einem glänzenden Messingschild: Ana Mortorell
Torell.
Als mich Ana hinein bittet, komme ich aus dem Staunen nicht
heraus. Ich habe das Gefühl, in einem deutschen Mittelklasse-Haushalt
zu sein. Großes modern eingerichtetes Wohnzimmer, neue Einbauküche,
alles wie aus dem aktuellen Katalog von "Bauknecht".
Das ganze Haus komplett neu renoviert. Ana gibt mir zu verstehen:
"So wie unsere Wohnung sind die meisten in Muro eingerichtet.
Sehr praktisch und pflegeleicht. Rustikal richten die Leute hier
höchstens noch ihre Finca auf dem Land ein." Es ist
das erste Mal, daß ich sehr überrascht bin. Es wird
nicht das letzte Mal sein.
Ana lebt schon ihr ganzes Leben in Muro, 32 Jahre lang.
Genauso wie es ihre Eltern, Großeltern und alle anderen
Vorfahren taten - soweit es sich rekonstruieren läßt.
Über ihre Urahnen hat Ana einiges beim Besuch des
Museums für Völkerkunde in Muro erfahren. Demnach ist
dieser Landstrich vor allem durch die weite Bucht von Alcudia
geprägt worden, durch die alle Kulturen des Mittelmeeres
per Schiff nach Mallorca eindringen konnten. Die Araber nannten
diesen Ort zunächst "Badaluc". So bezeichneten
die Mauren jene Orte, von denen man weit in die Ferne blicken
konnte. Die Bezeichnung "Muro" ist wahrscheinlich römischen
Ursprungs. Denn wenn man von Meer aus blickt, erweckt diese Ortschaft
den Anschein einer Mauer. Nach der Ankunft des Königs Jacob
I. im Jahre 1229 und dem Anschluß der Insel an die christliche
Kultur des Westens, gehörte dieser Landstrich dem Grafen
von Ampurias. Diese Gegenden bilden heute die bewohnten Zentren
von Son Serra, Can Picafort, Casetes de Capellans, Plages de Muro,
Santa Margalida, María de la Salut, Llubí und Muro.
Im Jahre 1248 gründete der Papst Innozenz IV. die Pfarrkirchen
Sant Joan und Santa Margalida. Diese Pfarrkirchen bildeten schon
1300 bedeutende Wohnsiedlungen.
Damals gehörten die Felder wenigen Menschen. Aber im Laufe
der Zeit wurden sie immer mehr geteilt und unterteilt, so daß
es jetzt kaum riesige Besitztümer gibt, die einem einzigen
Großgrundbesitzer gehören. Jetzt sind alle Felder parzelliert.
Handwerk und Arbeit
Muros Einwohnerzahl betrug im Jahre 1329 bereits ca. 1230
Menschen und ungefähr 1980 im Jahre 1573. Diese Daten sind
aufgrund der Steuer-Einnahmen, "MORABATI" genannt, die
jede Familie zu bezahlen hatte, rekonstruiert worden. Die landwirtschaftlichen
Flächen für den Getreide- und Weizenanbau waren die Existenzgrundlage
der Familien. Wie gut es ihnen ging, hing immer von der jeweiligen
Ernte ab. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen
die Mureros neue Agrarprodukte anzupflanzen, vor allem Obst und
Gemüse. Die Qualität dieser Erzeugnisse war schon damals
hervorragend und sie ist es auch noch heute. Deshalb sagt Ana nicht
ohne Stolz: "Unser Gemüse gilt als das beste der Insel."
Als die Bevölkerung irgendwann merkte, daß mit
dem Tourismus an der Küste einfacher und mehr Geld zu verdienen
ist, sattelten viele Menschen um. Die landwirtschaftlichen Betriebe
wurden nach und nach aufgegeben. Der Fleiß aber blieb. Und
deshalb ist Muro auch eine sehr wohlhabende Gemeinde. Auch wenn
man das auf den ersten Blick nicht vermutet. Mit dem Tourismus kam
zwar das Geld. Doch die Idylle ging verloren. Ana erinnert sich:
"Wir spielten früher immer auf der Straße. Meine
Kinder kann ich nicht mehr unbeaufsichtigt draußen spielen
lassen."
Im Vergleich zu Palma ist Muro aber noch ein verträumtes Nest.
Das bestätigt auch der Dorfpolizist Miguel, der natürlich
auch ein gebürtiger Murero ist: "Hier kann man noch in
Ruhe leben." Er ist einer von 25 Beamten, die in Muro für
Ordnung sorgen. Von Kriminalitätsbekämpfung zu sprechen,
wäre ein wenig übertrieben. Denn einen Banküberfall
oder ein anderes schweres Verbrechen hat es hier noch nicht gegeben.
Deshalb ist Miguels wichtigste Aufgabe auch die Regelung des Straßenverkehrs:
"Wir haben durch die zu engen Straßen große Verkehrsprobleme.
Nur am Wochenende gibt es hier keine Staus." Kein Wunder. Denn
die Freizeit verbringen die Einwohner Muros lieber direkt am Meer.
"Fast jeder hat hier ein Haus in Can Picafort", sagt der
24jährige Polizist. Seine Dienstplakette mit der Nummer 19
trägt er stolz an seinem Hemd, das so blau wie der Himmel an
diesem Sonntag über Muro leuchtet.
"Sonntagmorgen findet in Muro ein recht interessanter
Wochenmarkt statt." Diese Ankündigung in einem Reiseführer
machte mich doch neugierig. Als ich den fußballfeldgroßen
Platz Comte d' Empuries vor der Kirche Sant Juan gegen 11 Uhr betrete,
verlieren sich dort gerade mal zehn Stände. Zu kaufen gibt
es viel Krimskrams: Schuhe, Wecker, Putz-Utensilien, Damenunterwäsche
und Spielzeug-Handys - kaum ein Artikel kostet mehr als 1000 Peseten.
Trotz der billigen Preise stehen die Mureros eher skeptisch den
Sachen gegenüber. Am Stand des Schwarzafrikaners Mohamed, der
Sonnenbrillen und Lederwaren an den Mann zu bringen versucht, erkundigt
sich eine etwas ältere Frau aus Muro nach dem Preis eines Portemonnaies.
Mohamed sagt: "1000 Pesetas." Als er ins Gesicht der Frau
blickt, geht er sofort um 300 Pesetas mit seinem Preis runter. Zu
spät. Die Frau ist schon weg. Wahrscheinlich hätte sie
den Geldbeutel nicht einmal geschenkt genommen. Nicht nur an Mohameds
Stand geht der Verdienst an diesem Sonntag gegen null.
Für Ana kommt die Reaktion der Einheimischen nicht überraschend:
"Die Mureros sind Quadratköpfe. Was sie nicht wollen,
machen sie auch nicht. Und wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt
haben, kämpfen sie so lange, bis sie es erreicht haben."
Aus diesem Holz war auch Jaime Serra Palau geschnitzt. Irgendwann
in den 20er Jahren erklärte er seinen Freunden im Verlauf eines
"sopar de matances", das ist ein Abendessen beim Schlachtfest,
er wolle eine Stierkampfarena in Muro bauen. Noch mehr als das Vorhaben
als solches überraschte der Ort, an dem er sein Werk bauen
wollte: im größten Steinbruch Mallorcas. Er wollte diesen
ausschachten, ihn kreisförmig gestalten und während der
Schachtarbeiten Sitzreihen in die Steine hauen. Mit dem Verkauf
des ausgeschachteten Materials hoffte er sein Werk finanzieren zu
können, daß er ohne die Mithilfe von Technikern, Architekten
und sogar ohne Pläne durchzuführen gedachte.
Von Beginn an hatte Jaime mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen.
Denn schließlich gab es weder Bagger noch Lastwagen für
den Abtransport der vielen Tonnen Schutt. Der Stein, der teilweise
nicht die erhoffte Qualität zeigte, wurde mittels Sprenglöchern
und Dynamit sowie mit Spitzhacke und Schaufel herausgebrochen. Nach
einer Bauzeit von über zehn Jahren wurde "La Monumental",
das einen Durchmesser von 37, 5 Metern mißt, letztendlich
fertiggestellt.
Aufgrund Jaime Serras Beharrlichkeit kann Muro heute voller
Stolz auf eine Stierkampfarena blicken, die durch ihre ungewöhnlichen
Charakteristiken ohnegleichen auf der Welt ist. Das genaue Fassungsvermögen
beträgt 6945 Menschen. Während der Feierlichkeiten zu
Ehren des Schutzheiligen San Joan Baptiste (24. Juni) sind die Stierkämpfe
der Höhepunkt. Für jeden spanischen Stierkämpfer
ist es ein Bedürfnis, einmal im "Monumental de Muro"
aufzutreten. Deshalb sind hier auch zweifelsohne die besten stierkämpferischen
Darbietungen der Balearen zu bewundern. Doch Ana reißt sich
nicht um einen der begehrten Plätze in der Arena: "Mir
ist das Spektakel zu grausam. Ich sehe lieber lebende Stiere."
Viele andere Mureros warten ständig auf den nächsten
Stierkampf in Muro. An diesen Tagen ist endlich mal etwas los im
Ort. Denn gute Bars sind hier Mangelware. Eine Disco gibt es auch
nicht. In der Carrer de Santa Anna entdecke ich ein Gebäude
mit der Aufschrift "CENTRE D'ACTIVITATS CULTURALS". Ein
Blick durch's Fenster läßt tief blicken: gähnende
Leere. Nur ein Ausstellungsplakat ist zu sehen. Ölbilder von
"Daniel Cocporniu". Wo und wann man die Exponate besichtigen
kann, steht dort nicht. Wer weiß, wie lange das Plakat da
schon hängt?
Seit 1999 gibt es zwar ein Kino im Städtchen. Doch das hat
nur in den Wintermonaten geöffnet. Ana bringt's auf den Punkt:
"In Muro ist es nicht nur langweilig, sondern super-langweilig!"
Sie kennt auch den Grund für diese Trostlosigkeit: "Hier
fahren alle Leute in die Küstenorte Can Picafort, Alcudia oder
an die Platja de Muro. Da kann man mehr erleben."
Etwa ein Dutzend alter Männer können sich diese
10 Kilometer sparen. Sie sitzen tagtäglich an beiden Seiten
der Carrer Santa Anna auf ihren roten "Mahou" -Plastikstühlen,
strahlen Zufriedenheit aus. Die Alten mit den schlohweißen
und grauen Haaren scheinen sich hier fast nie wegzubewegen. Trotzdem
versiegt der Redeschwall niemals. Sogar über die Straße
hinweg wird diskutiert.
Die Sehenswürdigkeiten des Ortes
Eines der wichtigsten und schönsten Gebäude ist
die Pfarrkirche San Juan Bautista.
Sie wurde bereits 1248 in der Bulle Innozenz' IV. erwähnt.
Um 1570 wurde sie durch ein neues Gotteshaus ersetzt. Ein gewaltiger
Bau mit arkadenförmig angeordneten Stützpfeilern und einem
freistehenden, wuchtigen Glockenturm mit quadratischem Grundriß.
Es ist ein typisches Werk der Mallorca-Gotik. Der Architekt war
Saura Sebastián. Der Bau der Kirche begann am 19. Februar
1570. Fertiggestellt und gesegnet wurde sie am 22. Juni 1611. Vom
gotischen Stil ist die holzgeschnitzte Figur des San Joan Baptiste
übriggeblieben. In San Juan Bautista können wir auch das
älteste Wappen der Stadt bewundern, sowie verschiedene Kultobjekte,
die noch benutzt werden.
Die "Capelleta de la Sang" (Kleine Kapelle des Blutes) - auch "Casa de l' Almoina"
(Haus der Almosen) genannt - wurde zwischen 1414 und 1429 erbaut
und befand sich in der Nähe des heutigen Rathauses. Sie hat
eine schlichte Fassade mit Relief in Form einer "Capellita"
mit Kruzifix und zwei Fischen sowie dem Emblem seines Gründers.
Sie gehört zum testamentarischen Nachlaß des vermögenden
Priesters Jaime Mollet. Er wollte, daß man an diesem Ort
Essen an die Armen des Städtchens verteilt. Dieser Tempel
im romanischen Stil wurde zu diesem Zweck verwendet, diente aber
gleichzeitig als Schule, Sitzungsort der Richter und als Archiv.
Gleich nebenan stand das Hospital, wo die Kranken und Armen behandelt
wurden.
Außerdem ist noch das "Convent
de Sta. Anna" zu erwähnen. Die ehemalige Klosterkirche
war früher eine Klause, zu der die Einwohner Muros pilgerten,
um Jesus Christus über Santa Anna, seine Großmutter mütterlicherseits,
aufzusuchen. Diese Heilige wurde in ganz Mallorca im Mittelalter
inbrünstig angebetet. Von der alten Kapelle ist jedoch nur
der Türsturz übriggeblieben, da die Mönche nach und
nach ein neues Kloster bauten.
Quelle: LEBEN auf den Balearen - Die Zeitschrift
in deutscher Sprache