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 Sencelles
 
 
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Blick auf Sencelles  
Die Sencellers spielten keine herausragende Rolle im großen Rad der Geschichte. Doch sie zollten in Form von Steuern und Getreideabgaben reichlich Tribut. Bürger aus Sencelles zogen immer wieder für fremde Könige in den Krieg. Sie wurden in Interessen verwickelt, die sie selbst nur wenig betrafen. So sind die Archive von Sencelles zum Spiegelbild nationaler und internationaler Konflikte geworden.

Sencelles zählt zu den größeren Gemeinden der Ebene Mallorcas. Sie liegt dort, wo der Pla de Mallorca am flachsten ist. Die höchste Erhebung ist 160 m hoch. Der Gemeindeverwaltung von Sencelles obliegen sechs weitere Dörfer und Gehöfte: Biniali, das größte von ihnen, sowie Cascanar, Jornets, Judí, Laiar, Ruberts und Sonarrosa. Rund um Sencelles und den benachbarten Ortschaften findet man reichlich Zeugnisse von Besiedlungen aus prähistorischer Zeit. Die beeindruckendste unter ihnen ist der Talaiot Son Fred nahe der kleinen Ortschaft Jornets. Es handelt sich um einen rundgebauten Talaiot, die Größe der Steinbrocken ist enorm, die einzelnen Steine ergeben ein fast glattes Mauerwerk. Man findet diesen überaus gut erhaltenen Talaiot auf der Strecke von Inca nach Sencelles. Er liegt von Inca kommend linker Hand auf einer Anhöhe.

Ein Dorf entsteht und bekommt einen Namen

Als in arabischer Zeit die Insel in Alquerias aufgeteilt wurde, war Sencelles Teil des Distrikts Quanat al-Arusa, ein Name, der später von der Possesió Canarossa, heute Sonarrosa, übernommen wurde. Der Sprachwissenschaftler Moll sieht die Wurzeln des Namens im Lateinischen centum cellas, das im Katalanischen cent celles, 'hundert Wege', bedeutet.

Nach der Eroberung Mallorcas durch Jaume I. teilte dieser die Insel unter den Familien seiner Edelleute und den Generälen auf. Die ehemalige arabische Alqueria Canarossa ging an den Vicomte de Bearn über, in diesem Zusammenhang wurde Sencelles 1237 erstmals urkundlich erwähnt. In der siebzig Jahre andauernden Regierungszeit des Jaume I. wurden auch in dem Bezirk des Vicomte de Bearn ausgedehnte Landsitze gegründet. Die Familiengeschichte der Bearns lieferte den Stoff für den Roman 'Bearn' von Lorenç Villalonga. Der nach dem Roman im Tal von Orient gedrehte Spielfilm in katalanischer Sprache ging in die Filmgeschichte Spaniens ein.


Harte Zeiten mit kriegerischen Auseinandersetzungen

Die landwirtschaftliche Entwicklung von Sencelles hatte begonnen. Der fruchtbare Boden der Ebene brachte reiche Ernte an Weizen, Gerste und Wein. Windmühlen für das Mahlen von Mehl wurden erbaut, deren steinerne Sockel noch heute erhalten sind. Über die Jahrhunderte hinweg war das Bild der Landschaft bei Sencelles von großen Schaf- und Ziegenherden geprägt. Ende des 14. Jahrhunderts wurde der Bau der Straße nach Inca beschlossen. Schon im 14. Jahrhundert verzeichnen die Bücher über tausend Einwohner, für damalige Verhältnisse eine stattliche Zahl. Doch im gleichen Jahrhundert wütete auf Mallorca dreimal die Pest, wodurch über 200 Sencellers starben. Unter König Jaume II. blieben die Verhältnisse in der Landbevölkerung im großen und ganzen stabil.

Sein Sohn Sancho regierte nur kurze Zeit. Sein Vetter Jaime III. konnte das Königreich Mallorca nicht gegen seinen Verwandten Pedro IV. behaupten. Für den König von Aragon war es ein leichtes, die von der Pest geschwächte Insel einzunehmen. Er requirierte die Handelsflotte für seine Kriege gegen Genua, Sardinien und Kastilien und blutete die Insel mit Steuern aus. So sind in den Archiven von Sencelles in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts hohe Verpflichtungen an Abgaben und die Rekrutierung von Einwohnern für die kriegerischen Machenschaften Pedros IV. verzeichnet. Die Sencellers wurden nach Alcúdia beordert, um Schutzwälle zu bauen, 124 Männer wurden gezwungen, an dem Krieg gegen Kastilien teilzunehmen. Im Jahre 1365 wurden sie verpflichtet, Andratx und die Gewässer vor Dragonera gegen die feindlichen Attacken der Soldaten Kastiliens zu verteidigen. Folge davon war, daß die Bauern mehr und mehr verarmten, den Anbau von Getreide und Weizen vernachlässigten und ihre Pachtzinsen nicht mehr bezahlen konnten. Während der Bauernaufstände, der Revolta Forana, wurden im Raum Sencelles Landgütern beträchtliche Schäden zugefügt, viele Bauern verließen ihr Land. Im Jahre 1454 meldete einer der Richter von Sencelles dem Gouverneur, daß die Bauern keine Abgaben mehr leisten könnten, da viele ihr Land verlassen hätten.


Landwirtschaft und Handwerksbetriebe

 
 © LEBEN    
Bauer aus Sencelles  

Im 15. und 16. Jahrhundert stieg die Zahl der Bevölkerung wieder: 1700 Einwohner, 167 Häuser und 54 Possesiós wurden gezählt. Auch über die Anzahl der Nutztiere gibt es Unterlagen: 1585 Schafe, 387 Schweine, 130 Mulis, 53 Esel, 136 Kühe wurden verzeichnet.


Die Mehrheit der Bevölkerung arbeitete in der Landwirtschaft, aber es gab auch kleine Handwerksbetriebe: Schmiede, Schreiner, Maurer, Schuhmacher und Weber. Im Jahre 1700 bestieg Philipp V. den spanischen Thron, doch auf Mallorca trat die Bevölkerung für die Ansprüche des Habsburgischen Erzherzogs Karl ein. Die Sencellers lieferten reichlich Getreide, Wein, Schafe und Ziegen. Doch auch nach dem Utrechter Frieden von 1713, der den Spanischen Erbfolgekrieg beendete, mußte Philipp V. zur Sicherung seiner Herrschaft noch eine Flotte nach Mallorca entsenden.
Das 18. Jahrhundert war von Dürrezeiten geprägt, dennoch entwickelten sich die Dinge langsam zum Besseren. Eine Gesellschaft für die wirtschaftliche Entwicklung Mallorcas war gegründet worden. Sie widmete sich der Verbesserung der Landwirtschaft. Gegen Ende des Jahrhunderts kamen viele Franzosen auf der Flucht vor der Französischen Revolution nach Mallorca. Die Auseinandersetzung zwischen konservativen und liberalen Kräften bestimmte das Geschehen des 19. Jahrhunderts.

Nachdem Sencelles Mitte des Jahrhunderts die höchste Einwohnerzahl in seiner Geschichte aufwies, sank diese 1855 von fast 4000 auf unter 3000 Einwohner. Der Grund dafür war, daß das Dorf Costitx eigenständig wurde. Im 19. Jahrhundert war der Umfang des Exports von mallorquinischen Weinen stark angestiegen. Auch Sencelles war mit seinen Weingärten ein wirtschaftlicher Erfolg beschert. Die Mehltauplage im Jahre 1890 setzte dem ein Ende, viele der Weingärten wurden durch Mandel- und Johannisbrotplantagen ersetzt. Viele Mallorquiner wanderten nach Südamerika aus. Sencellers wurden von der spanischen Armee rekrutiert, um im Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 mit Kuba, Puerto Rico und den Philippinen die letzten spanischen Kolonien zu verlieren. Die Namen von 21 Gefallenen sind verzeichnet.


Moderne Zeiten

Das 20. Jahrhundert begann für Sencelles - wie auch für ganz Mallorca - mit einem Gefühl der Hoffnung. Nicht nur, daß den Einwohnern die wachsende Wertschätzung dessen, was die Natur ihnen beschert, bewußt wurde, auch aus anderen Ländern kamen Menschen, die hier fördernd eingriffen. Im Dorf herrschte emsige Tätigkeit, man begann mit der Fabrikation von Konserven und Dachziegeln. In Sencelles wurde 1931 eine Gewerkschaft der Landarbeiter aktiv, die später in die UGT (Unión General de Trabajadores - Allgemeine Arbeiter-Union) eingliedert worden ist. Die linken Republikaner trafen sich in Sencelles im Cafè de Ca na Polla, die Falangisten formierten sich. Nach deren Sieg wurden neun Sencellers von der Falange Francos hingerichtet. Die allgemeine Erstarrung des Franco-Regimes machte auch vor Sencelles nicht halt.


Francinaina Cirer

Seit langem scheint nach außen hin Sencelles ein verschlafenes Dorf zu sein, die Tourismusindustrie hinterließ keine Spuren. Wohl aber die Heilige des Dorfes, Sor Franci-naina Cirer (1781-1855), der man ein Denkmal vor der Kirche errichtete. Seit ihrer Heiligsprechung gibt es auch eine Bar Ca'n Papa. Sie lebte in ihrer Nähe des Talaiots gelegenen Casita und verstand es, durch soziale Aktivitäten und kleine Feste die Armen der Bevölkerung um sich zu vereinen. Dies stand im Gegensatz zu den Regeln der übrigen Klöster, in denen die Nonnen unter strenger Abgeschiedenheit ihr Einsiedlerdasein führten. Francinaina Cirer trat dem 1798 gegründeten Orden der 'Barmherzigen Schwester vom hl. Vinzens von Paul' bei. Es handelt sich um eine Frauengenossenschaft von Laien mit sozial-karikativer Zielsetzung. Die Vinzentinerinnen legen nur für jeweils ein Jahr ihr Gelübde ab. Der in Frankreich gegründete Orden bereitet ab dem 1. Oktober dieses Jahres die Zweihundertjahrfeier des Ordens vor. Die wohltätige Frau galt als die populäre 'Heilige von Sencelles', schon lange bevor der Papst sie 1989 auf dem Petersplatz im Vatikan als solche anerkannte. Der Convent von Sencelles steht den Besuchern 9.30 bis 13.00 und 15.30 bis 19.00 Uhr offen. Die Räume, die Francinaina Cirer zuletzt im Dorf bewohnte, zeigen neben silbernen punzierten Votivgaben und ausführlichen Bilddokumenten von der Heiligsprechung außerordentlich gut erhaltene und liebevoll zusammengestellte Haushaltsgeräte, wie zum Beispiel der klassische 'calderon' aus Ton zum Erhitzen des Wassers am Kamin. Spindel, gesponnene Wollknäuel und handgewebte Stoffe sind Zeugnisse der handwerklichen Fähigkeiten der Francinaina Cirer. Das Denkmal vor der Kirche des Dorfes zeigt, in Stein gehauen, verschiedene Situationen aus dem Leben der Vinzentinerin.

Sie verteilte Lebensmittel an die Bewohner und brachte ihnen Lesen und Schreiben bei.


 
  
 
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