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 Sineu
 
 
 © Klaus Siepmann    
Kirche am Markplatz  
Alles ist Evolution” spricht Bartolomeu Mulet, der cura von Sineu. ´Ein wandelndes Geschichtsbuch´ nennen sie ihn im Dorf und das nicht nur wegen seiner philosophischen Bemerkungen oder der Tatsache, daß er drei Bücher geschrieben hätte: Es ist, als trage Mulet alle Erinnerungen Sineus unter schwarzer Soutane im Herzen. Beim Gespräch mit ihm wird in allen Schattierungen die Arbeit der pagesos auf dem glühenden Feld lebendig, das ostentative Leben der königlichen Bürokraten, die Zeit der Konvente und Paläste - und immer wieder das Maß aller Dinge im Leben Sineus: Ein Bronzekessel, der wie ein Prägesiegel die Geschichte der sarazenischen Siedlung Sixneu bestimmen sollte: Die barcella.



...das goldene Herz der Insel

Gerade nämlich hatte der katalanische Eroberer Jaime I. nach dem Sieg über die Araber das Schwert weggesteckt, da hoben seine Getreuen in Sineu dieses Getreidemaß aus der Taufe, eine kuriose neue Einheit von umgerechnet exakt 11,6 Litern. Darin zollten die Sineuers fortan der königlichen Wirtschaft ihren Tribut, und zwar reichlich. Der Aufstieg des Dorfes zur Verwaltungsbastion des mallorquini-schen Plà war damit vorbestimmt. Denn in den Bronzekesseln, den barcelles wog goldenes Korn, im Mittelalter eine besonders begehrte Währungsreserve.

Als die christlichen Eroberer in Sineu einmarschiert waren, fanden sie einen Garten vor: In drei Jahrhunderten hatten die Araber blühende Obst und Gemüseplantagen in Sineu angelegt und weit weg vom großen Zeitgeschehen für den familiären Eigenbedarf gewirtschaftet und gehandelt. Aus jener Epoche lebt noch heute der quirlige Mittwochsmarkt von Sineu weiter, der älteste der Balearen. Zur Zeit der Araber hiess er Souk al Arba’ a, nach der Rekonquista wurde er nahtlos weitergeführt und erhielt 1303 königliche Privilegien.

Für die Araber selbst allerdings begann nach der christlichen Eroberung der kulturelle und wirtschaftliche Abschied von der Bühne: Denn Jaime I. hatte 1229 seinen Mitstreitern vor dem Feldzug auf die Balearen satte Anteile an der Beute versprochen und Wort gehalten: In Sineu wanderten etliche Güter aus der Hand von Zeitgenossen namens Abu Amet, Ben Nazar oder Beni Hadet an katalanische Noble aus Montpellier, Terassa oder Girona. Damit kam neben der Getreidekultur auch eine überaus “kreative” Steuerschraube in Gang. Zum Wohle des Reiches zahlten die Bürger die drets reials, die königlichen Rechte, und zwar auf alles, was eben möglich war: Auf Haus, Acker, Mühle oder Sklaven und Knechte. Sehr gefürchtet waren auch die talls , mehr oder weniger spontane Gemeindeumlagen, die erhoben wurden, wenn den Oberen Geld oder Getreide ausgingen.

An der Tagesordnung waren die delmes, eine Abgabe auf Getreide, Vieh oder Gemüse. Diese mussten sowohl an Bischof als auch König abgeführt werden und betrugen häufig bis zu einem Drittel des Wertes der produzierten Güter. Damit hatten in Sineu vor allem die pagesos, zumeist Getreidebauern, die Hauptlast der Abgaben zu tragen. Nach königlichem und bischöflichem Dekret durfte im 13. Jahrhundert niemand an die Ernte gehen, bevor nicht der taxador, der Steuerschätzer auf dem Felde erschienen war, um dort nach Festsetzug der Saisonpreise die Abgaben zu fixieren. Der Obulus konnte in Pfund (Lliure) oder Sous gezahlt werden; meist aber ging die Abgabe als Naturalie direkt in die barcella, und von dort in den öffentlichen Kornspeicher Sineus, die quartera.

el coll...

Natürlich gab es ein dichtes Netz an Kontrollen: Den Mostassaf, für die Überwachung der Maße, den taxador für die Schätzung der Abgabenhöhe - und natürlich die barcella, als Maß aller Dinge. Wie heute auch, so wurde damals fleißig geschummelt, oft von den Kontrolleuren selbst: “Dem Mostassaf wird mitgeteilt, daß der Kirchenvikar eine gefälschte barcella besitzt”, empörte sich ein Sineuer im April 1342. Peinlich für den Kirchenmann, denn wer im Sineu des Mittelalters mit dem lebensnotwendigen Getreide schacherte, dem wurden in der Regel die Ohren abgeschnitten. Bei Diebstahl drohte gar die stachelige Halskrause el coll , eine besonders martialische Todesstrafe.

Die pagesos wurden übrigens in Sineu besonders geschützt und hatten fast so etwas wie einen Diplomatenstatus, kein Bauer des Dorfes durfte im 14. Jahrhundert angeklagt oder festgenommen werden, es sei denn er hatte ein sehr schweres Verbrechen begangen. Die Sorge ist nur zu verständlich: Denn Pest und etliche Jahre der Dürre haben in Sineu und damit in ganz Mallorca bis in die jüngste Vergan-genheit hinein immer wieder zu chronischer Unterversorgung mit Getreide geführt. Auch wenn die pagesos in Sineu lebenswichtig waren: Sozial ging es ihnen meistens sehr bescheiden. So hatte sich im 15. Jahrhundert eine betuchte Verwalter- und Hand-werkerschicht um den lukrativen Handelsplatz gebildet, es gab einige reiche Grossgrundbesitzer, deren Häuser noch heute von der alten Herrlichkeit künden. Diese Kasten, zumeist unter wenigen Familien, den notables, aufgeteilt, waren vor allem sehr schlau, wenn es darum ging, die barcella auf dem Rücken der pagesos zu füllen.

pagesos...

Eine Studie der Universität Palma kommt zu dem Schluß, daß noch bis ins vergangene Jahrhundert “die Kommunalpolitik der Notablen in Sineu darin bestand, das Zahlen der verschiedenen Steuern von Staatsseite auf die anderen sozialen Schichten in der Gemeinde umzuleiten.”
Die “anderen”, die pagesos, fristeten der Studie zufolge ein wenig erbauliches Dasein: “Sie lebten wie Tagelöhner, die von der saisonalen Arbeitskraftnachfrage der großen Grundbesitzer abhingen und einen kleinen Landanteil besaßen, der ihnen den Eigenbedarf in Krisenzeiten sicherte.” Zahlen belegen dies nachdrücklich: Lediglich 6 Prozent der Bevölkerung, in der Regel Großgrundbesitzer, kontrollierten in Sineu rund drei Viertel der Landmasse, während 94 Prozent, Kleinbauern zumeist, sich mit einem Viertel am Flächenanteil begnügen mußten. Zwar zogen die pagesos 1451 in Scharen aus dem Dorf, um gegen die verhaßten Steuerbüttel des Königreiches zu revoltieren. Doch diesen Mut büßten sie mit drakonischen Strafen, die barcella blieb immer die barcella und musste gefüllt werden.

Das Maß aller Dinge

Heute befindet sich Sineus “Maß aller Dinge” sorgsam gehütet im Gemeindearchiv. Denn was vom Feld in den Speicher kommt, bestimmt schon lange nicht mehr Sineus Universum. Wenn noch Kreuzfahrer das Wirtschaftsleben ankurbeln, dann kommen diese mit dem gemieteten Opel Corsa, um in einem der 17 (!) Restaurants des 2600-Seelen-Dorfes den Sineu-typischen frito zu probieren. Der Marktflecken liegt zwar geografisch immer noch im Herzen Mallorcas, aber seine dominierende Rolle als feudale Kornkammer gehört der Vergangenheit an: Die agrarische Monokultur ist heute einem Gewebe aus Einzelhandel, Handwerk und steinverarbeitenden Betrieben gewichen, seine Rolle als Umschlagplatz des ländlichen Lebens zeigt Sineu allerdings noch beim pittoresken Mittwoch-Markt.

Schlecht scheint es den Sineuers dabei nicht zu gehen, denn nach Worten seines Bürgermeisters, Andreu Matas Jaume, gibt es im Dorf sechs Bankfilialen und ein 200 Mitglieder zählenden Verband kleiner und mittelständischer Unternehmer, untrügliches Zeichen für den Wohlstand seiner Bürger. Auch scheint die Jugend Sineus nach einer grossen Abwanderungswelle in den 70er Jahren das Dorf wiederentdeckt zu haben, Handwerk und Handel kommen wieder in Mode. Warum das so ist, kann sich in Sineu aber auch keiner so genau erklären.

Alles ist eben in Evolution”, würde Pfarrer Bartolomeu Mulet sagen, dort oben von seinem Fenster aus herunterschauend auf den Mittwoch-Markt, Relikt aus den Zeiten, als die barcella noch den Ton angab.



 
  
 
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