"Ich sage immer: Valldemossa, das ist
wie mit der Coca-Cola. Die braucht eigentlich gar keine Werbung",
sagt Juan Muntaner mit einem stolzen Lächeln im Gesicht. Und er
muß es wissen, ist er schließlich seit langer Zeit der Bürgermeister
des kleinen mallorquinischen Bergdorfes, das inmitten einer ebenso romantischen
wie idyllischen Postkartenlandschaft zu schlafen scheint. Valldemossa
ist in der Tat weit über die Grenzen der Balearen hinaus bekannt
und dies sicher nicht nur wegen der Coca de Patata, dem berühmten
hiesigen Kartoffelgebäck, das selbst mallorquinische Ausflugsmuffel
am Wochenende die kurvenreiche Straße nach Valldemossa fahren
läßt.
Das Dorf der vier Täler nennen die Historiker Valldemossa
und streiten sich dennoch auch heute noch um den Ursprung seines
Namens. Einige von ihnen führen die Bezeichnung auf einen arabischen
Fürsten namens Mossa zurück, andere dagegen leiten sie
von Valle de las musas, das Tal der Musen, ab. Mit den schönen
Künsten hat es in Valldemossa so seine Begebenheit, scheint
das Dorf mit den pittoresken Gassen, dem berühmten Kartäuserkloster
und der einmalig schönen Naturumgebung doch gleich einem Gemälde
entsprungen zu sein. Die Malerei begann in Valldemossa übrigens
schon recht früh ihre Wurzeln zu schlagen. 4000 Jahre vor Christi
Geburt besiedelten Vorfahren unseres heutigen Menschengeschlechts
das Tal von Son Matge. Dort in einer Höhle findet man heute
noch Zeugnisse der ersten, frühzeitlichen Wand-malerei auf
den Balearen. Auch die anderen Täler rund um das Dorf sind
Schauplätze von vielen mystischen Geschichten und abenteuerlichen
Legenden. Das Tal von Pastoritx, das mit seinem engen Eingang, dem
S`Estret, der Straße von Palma den Zugang ermöglicht,
verbirgt hinter dichten Pinienhängen und dem Berg Puig de Na
Fátima ein durchaus romantisches Märchen. Fátima
ist der Name einer einstigen arabischen Prinzessin, die sich auf
der Flucht vor den christlichen Truppen des Königs Jaime I.
befand. Ebenfalls mit auf der Flucht war ihr Geliebter Amed. Als
beide am S`Estret angelangten, verloren sie sich aus den Augen,
und Fátima verirrte sich schließlich in den Wäldern.
Ihr verzweifelter Geliebter suchte vergeblich nach seiner Angebeteten
und tut dies auch heute noch. Sein im Fels versteinertes Gesicht
blickt den von Palma kommenden Reisenden links am Eingang des S'Estrets
hilfesuchend an.
Folgt man dem Tal von Pastoritx Richtung Norden, gelangt
man zum Valle del Teix. Dieses Tal führt in ein anderes, paradiesisch
anmutendes Dorf, das einstige Künstler-Mekka Deià. Unterhalb
des Dorfes scheiden sich die Täler von Son Matge und Son Marina.
Letzteres schlängelt sich bis hin zur steilen Westküste
der Insel.
Bis zum Jahr 1783 war Valldemossa von der Hauptstadt aus
kaum und nur auf Umwegen zu erreichen. Auf Initiative der reichen
Gutsbesitzer von Son Brondo und Son Salvat sowie den Kartäusermönchen,
wurde der S'Estret verbreitert und man begann mit dem Bau einer
komfortableren Landstraße. Bis zum 18. Jahrhundert galt Valldemossa
als Zufluchtsstätte für Räuber, Schmuggler und andere
Geächtete.
Eine leidige Geschichte
Das Dorf selbst entstand in zwei unabhängigen Bauphasen.
Im Jahre 1245 wurde die Kirche San Bartolomé errichtet. Um
sie herum siedelten sich die ersten Valldemosines an. Im Jahre 1309
ließ Jaime II. eine höher gelegene Burg erbauen, die
zwei Jahre später von König Sanz II. zu ihrer heutigen
Form erweitert wurde. Im Schutze des Palastes und der späteren
Klosteranlage entstand dann die zweite Wohnsiedlung des Dorfes,
die mit der ersten Urbanisation schnell zusammenwuchs. Im 15. Jahrhundert
dezimierten blutige Bauernaufstände und zahlreiche Epidemien
die Bevölkerungszahl Valldemossas drastisch. Auch wurden viele
männliche
Bewohner als Soldaten für den Krieg gegen Neapel eingezogen.
Im 16. Jahrhundert zählte die Bevölkerung des Dorfes 500
Einwohner, die sich im Laufe der Zeit auf den unterhalb der Dorfanlage
gelegenen fruchtbaren Äckern der Landwirtschaft widmeten. Überfälle
von maurischen Piraten waren zu dieser Zeit häufig. Das 17.
Jahrhundert bescherte den Einwohnern von Valldemossa auch keine
friedlichen Zeiten. Hunger, Pest und Bandenkriege zwischen verfeindeten
Familienclans ließen viele Valldemosiner nach Uruguay, Kuba
und Frankreich auswandern. Später zurückkehrende Emigranten
bauten sich ihre Häuser oft in Anlehnung an die architektonischen
Besonderheiten der Exilländer. Die harten Schicksalsschläge
in der Geschichte Valldemossas spiegeln sich im solidarischen Charakter
seiner Einwohner wieder, die im Laufe der Zeit lernten, auch schwierige
Augenblicke in enger Gemeinschaft zu meistern.
Valldemossa ist reich an mit Kreuzen geschmückten Säulen
und Fassaden, kleinen Kapellen und heiligen Orten, die die große
Religiosität des Dorfes und seiner Bewohner bezeugen. Dieser
stark ausgeprägte Gottesglaube wird durch die drei großen
heiligen Stätten des Ortes deutlich. Im unteren Teil des Dorfes
finden wir die Kirche des Sant Bartolomé, die anfänglich
noch der Heiligen María gewidmet war. Sie ist der eigentliche
Christentempel und das Zentrum des sozialen Lebens der Einwohner
Valldemossas. Im Jahre 1399 schenkte König Martí den
Palast an den Kartäuserorden, der das heute so bekannte Kloster
im Namen Jesús von Nazaret gründete. Das von den Mönchen
des Kartäuserordens bis ins 19. Jahrhundert genutzte Kloster
ist der zweite heilige Pol der Gemeinde. Die 11 Mönche lebten
damals in kargen Zellen des Klosters und widmeten sich intellektuellen
Aufgaben, wie der Erforschung der Himmelsgestirne, der geistlichen
Philosophie und der Heilkräuter-kunde. Letztere kam den Valldemosines
besonders zugute. Die ehemalige Klosterapotheke des Ordens war auf
der ganzen Insel durch die fortschrittliche Heilkunde ihrer Mönche
berühmt. Dennoch lebten die Kartäuser weitgehend ohne
soziale Kontakte im Dorf und beschäftigten die Bewohner mit
den zum Leben im Kloster notwendigen Arbeiten, wie Kochen, Instandhaltung
und dem Anbau der Heilkräuter. 1835 wurde das Kloster im Zuge
einer landesweiten Ordens-umstrukturierung von den Mönchen
aufgegeben und verwandelte sich mit der Zeit in eine Residenz reicher
Bürger Palmas und ausländischer, vornehmer Gäste.
Eine der wichtigsten Figuren Valldemossas ist die heilig gesprochene
Santa Catalina Tomás, Sa Beata, deren Erinnerung in Hunderten
von Keramikbildern an den Häusern Valldemossas aufrechterhalten
wird. Sie wurde 1531 als Waisenkind im Dorf geboren, trat mit 22
Jahren als Nonne in den Orden der Santa Magdalena ein und starb
im Alter von 43 an Tuberkulose. Ihre außergewöhnliche
Popularität verdankt sie nicht zuletzt der drei von ihr bewirkten
Wunder, die nach jahrzehntelangen Bittgesuchen an den Vatikan schließlich
zu ihrer Heiligsprechung führten. Im Dorfe gilt deshalb auch
heute noch die Regel: "Wirst Du Gesund, dann danke der Beata
dafür. Stirbst Du, war die Medizin daran Schuld !"
Auf der Straße nach Deià findet der Reisende
ungefähr einen Kilometer hinter Valldemossa rechts die Auffahrt
zur Einsiedelei, der Ermita, ein Ort der meditativen Ruhe und
Besinnung, die damals wie heute von fünf Mönchen bewohnt
wird. Die Ermita zählt als dritte religiöse Stätte
des Dorfes.
Menschen und Persönlichkeiten
Valldemossa ist unweigerlich mit zwei illustren Namen verbunden,
die zweifelsohne ein Hauptgrund dafür sind, daß tagtäglich
ganze Herrschaaren von Touristen das kleine Dorf befallen, um höchstpersönlich
den Spuren George Sands und ihres Geliebten, dem weltberühmten
Pianisten Frederick Chopin, zu folgen. Unzählige Kapitel von
Reiseführern in allen Sprachen der Welt drehen sich um die
Geschichte der französischen Schriftstellerin, die in ihrem
Buch "Ein Winter auf Mallorca" allerdings nur wenig Gutes
über die Begegnung mit ihren mallorquinischen Gastgebern niederschrieb.
Andere Persönlichkeiten, die meist in den Zellen des Kartäuserklosters
residierten, waren Ruben Darío, Jorge Luis Borges, Bazil,
Laurens, DuPont und nicht zuletzt der Erzherzog Ludwig Salvador.
Aber auch heutzutage leben außergewöhnliche Künstler
und Menschen in Valldemossa. Der deutsche Maler Niels Burwitz wohnt
bereits seit 21 Jahren hier und sagt darüber: "Ich sehe
mich als Valldemosiner. Als ich 1976 mit meiner Familie hierhergezogen
bin, wurde ich von den Leuten von Anfang an herzlichst in die Arme
genommen." Der Ende der 50er Jahre aus Deutschland nach Südafrika
emigrierte Burwitz spricht seit langem fließend Katalan und
gilt unter den Bewohnern des Ortes als vollkommen integriertes Mitglied
der 1500 Einwohner großen Gemeinde. 1992 wurde Niels sogar
das besondere Recht zuteil, die Festrede zur Ehren der Dorfpatronin
Catalina Tomás zu halten. Eine andere wichtige Figur im sozialen
Leben Valldemossas ist Dolores Estrades Calafat. Sie schreibt die
Dorfchroniken in der vierteljährlich erscheinenden Gemeindezeitschrift
Miramar. In ihrer Jugendzeit war sie balearische Meisterin im Tischtennis.
Ihre Großmutter, eine gebürtige Venezianerin, lernte
den Erzherzog Ludwig Salvador auf einer seiner Reisen kennen und
zog von da an mit ihm als persönliche Begleiterin nach Mallorca.
Das Haus von Dolores Estrades ist vollgestopft mit Bildern und Zeichnungen
des berühmten Erzherzogs, die er ihrer Großmutter teilweise
persönlich widmete. "Valldemossa ist ein Sammelsurium
an Geschichten und Anekdoten ",erzählt die 68jährige.
"Die Menschen leben hier alle in einem lebendigen Geschichtsbuch,
in dem immer neue Seiten aufgeschlagen werden."
Drosseljagd und Fischfang
Viele Valldemosiner arbeiten tagsüber in Palma, andere
leben von den rentablen Einnahmen ihrer Souvenirläden, die
von 10 Uhr morgens bis 5 Uhr nachmittags dem Ansturm der anreisenden
Touristenhorden während der ganzen Woche über stand-halten.
Am Abend scheint Valldemossa wie ausgestorben, seine Einwohner
ziehen sich in ihre schmucken Steinhäuser zurück. Nur
wenige Bewohner, meistens Jugendliche, suchen dann die noch einzig
offene Bar, S`Olivar, auf, wo lediglich am Wochenende bis in den
frühen Morgen bei lauter Diskomusik gefeiert wird. Die mei-sten
Valldemosiner haben kleine Motorboote im Hafen, dem Port de Valldemossa,
liegen. Der Fischfang zählt lediglich für eine Handvoll
Männer noch zum hauptberuflichen Broterwerb. Allerdings fahren
die meisten Valldemosiner am Sonntag die kurvig-steile Straße
zum Hafen hinab und gehen dort ihrem Hobby, dem Fischfang, nach.
Noch bis in die 80er Jahre kamen die Fischer jeden Tag hinauf
ins Dorf, um ihre frische Ware von Tür zu Tür zu verkaufen.
Doch die Fischereigenossenschaft in Palma verbot diesen ambulanten
Fischverkauf, und für ein eigenes Fischgeschäft lohnte
sich der Fang nicht. Heutzutage wird der vor der Küste gefangene
Fisch direkt im Restaurant des Hafens verkauft und landet auf
den Tellern von hungrigen Touristen, die den Mut aufgebracht haben,
die teilweise abenteuerlich anmutende Fahrt hinunter zum Puerto
zu wagen. Ein anderer beliebter Zeitvertreib der Valldemosiner
ist die Drosseljagd. Hierfür gehen die Jäger meist in
den frühen Morgenstunden hinauf zu den cois, den Fangplätzen,
wo sie mit gespannten Netzen auf die Vögel warten. Die Drossel
übernachtet nämlich in den Pinienwäldern und fliegt
im Morgengrauen zu den weiter unten im Tal gelegenen Olivienhainen
zurück, um Nahrung zu suchen. Sebastiá Bernard, Postbeamter
im Dorf, gehört zu den eifrigsten Drosseljägern. Der
50jährige Junggeselle erzählt über seine Freizeitbeschäftigung:
"Die Drosseljagd stammt noch aus den Zeiten der feudalen
Grundbesitzer. Die Bauern, die auf den großen Landgütern
wie Son Brondo und Son Matges arbeiteten, gingen noch vor Sonnenaufgang
mit Garnnetzen auf die Jagd, um bei Tagesanbruch wieder zurück
zu sein. Oft durchschlugen die Drosseln die Netze, wenn sie schnell
genug waren. Heute gehen wir mit Nylonnetzen auf die Jagd."
Die Zahl der Drosseln wird jedes Jahr weniger, die ihrer Jäger
dafür umso mehr. Über das Leben im Dorf weiß Sebastiá
recht wenig zu berichten. ,,Die Leute hier im Dorf sind sehr ruhig
und leben zurückgezogen. Dafür geht hier alles seinen
rechten Gang, auch wenn das manchmal etwas langweilig erscheint."
Das Postbüro an der Plaza Ruben Darío ist für
viele Einwohner die Schande des Dorfes. Es gibt keine richtigen
Möbel, keine Toilette für die beiden Beamten und weder
Telefon noch Fax. "Wenn Touristen ihre Postkarten bei uns
abgeben wollen, fragen sie gleich zweimal, ob sie hier richtig
sind. Meistens ist es eh schneller, die Post direkt nach Palma
zu bringen", berichtet Sebastiá.
Abgesehen von dem desolaten Zustand des Postraumes, gleichen
die Straßen und Häuser Valldemossas einem Bilderbuch.
In den engen Gassen schmücken Tausende von Pflanzen in hängenden
oder am Boden stehenden Tontöpfen die Eingänge der Häuser.
Die Gemeindeverwaltung läßt in allen Straßen
wieder Kopfsteinpflasterung einsetzen, Hausfassaden werden ständig
aufs neue restauriert und perfektioniert. Die Bürger Valldemossas
sind stolz auf ihr Dorf, das zweifellos als ein Aushängeschild
für die faszinierende und immer wieder neue Schönheit
Mallorcas gilt.
Quelle: LEBEN auf den Balearen - Die Zeitschrift
in deutscher Sprache