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 Alcudia
 
 
 © Klaus Siepmann    
Stadtmauer von Alcudia  
Der geschichtsträchtige Ort im Norden Mallorcas hat viele Facetten. In den Villen von Bonaire an den Berghängen von Sa Victória lebt es sich luxuriös mit prächtigem Blick auf die Halbinsel Formentor. Nirgendwo auf der Insel blühen die Bourgainvilleen so üppig wie dort. Die Strände Mal Pas und Sa Marina in der Badia de Pollença sind in jedem Reiseprospekt als familienfreundlich ausgewiesen. In der Altstadt Alcúdias scheint zumindest an den Wochentagen die Zeit zum Stillstand zu kommen. Aber richtig reich wurde die Kommune erst durch die Touristenmeile von Port d’Alcúdia. Sie zieht sich von Alcanada und dem Club Náutic über ihr Kernstück, die Playa d’Alcúdia, bis zur Gemeinde Muro. Die Dünenlandschaft, die ehemals voll mit Pinien
bewachsen war, ist zum Treffpunkt von Touristen und Aktivurlaubern aus vielen Nationen geworden.

Ob schon die Römer, die 123 v. Chr. mit einer grossen Kriegsflotte in die Bucht von Alcúdia eingedrungen und an Land gegangen waren, diese zauberhafte Lage erkannt haben, bleibt dahingestellt. Jedenfalls gründete Quintus Caecilius Metellus, der Befehlshaber der Invasionstruppen, Pollentia - die Starke, die Mächtige - als Hauptstadt der neuen Provinz. Der Feldherr ordnete den Aufbau eines beachtlichen Stadtwesens an: Märkte, Thermalbäder, öffentliche Bauten für die Verwaltung, Springbrunnen, Statuen, Luxusvillen und ein Theater entstanden. Hätten die Vandalen im 5. und 6. Jahrhundert bei ihrer Zerstörungswut nicht ganze Arbeit geleistet, wäre von Pollentia noch viel mehr erhalten geblieben als nur einige Ruinen und Säulen in der Ciutat Romana de Pollentia mit dem Teatre Romá. Bereits im 1. Jahrhundert v. Chr. entstand dieses kleinste der insgesamt 23 römischen Theater in Hispania. Es soll aber immerhin 2000 Personen Platz geboten haben. Die Bewohner flüchteten vor den Vandalen ins Landesinnere und verlegten Pollentia an den Ort, an dem sich das heutige Pollença befindet.Das Museu Monográfic de Pollentia in Alcúdia zeigt in seiner Sammlung einige Relikte des römischen Pollentia, aber auch griechische Kleinfunde: Keramik, Schmuck, Statuen, Geld- und Spielmünzen, Zubehör für Webstühle, medizinische Instrumente und allerlei Kriegsrat. Das kleine aber feine Museum wurde von der Stiftung Bryant gegründet, die - benannt nach dem amerikanischen Archäologen William Bryant - Ausgrabungen auf der ganzen Insel fördert. Auch die Freilegung und Restaurierung des römischen Theaters ist dem US-Amerikaner zu verdanken.

Die Mauren nannten die Stadt Al-cúdia, den Hügel, und errichteten nach ihrer Eroberung Mallorcas im Jahre 902 auf den Trümmern des von den Vandalen zerstörten römischen Pollentia eine neue Stadt. Die Lage war strategisch optimal ausgesucht: In der Mitte der Landenge zwischen den beiden grossen Buchten von Pollença und Alcúdia gelegen, war der Siedlungsort nach allen Seiten hin gut zu verteidigen und vorzüglich für den Seehandel geeignet.

Die Ehrung der Stadt

Auffälligste Erscheinung von Alcúdia ist seine zinnenbesetzte, gut erhaltene Stadtmauer, die den Ortskern beinahe vollständig umschliesst. Durch das Tor ‘El Muelle’ tritt man ein, durch das Tor ‘San Sebastian’ wieder hinaus. König Jaume II. liess die Bastion in spanisch-maurischer Gotik am Ende des 13. Jahrhunderts gegen die Piratenüberfälle auf die reiche Handelsstadt errichten. Unter der Regentschaft von Philipp IV. wurde das Bollwerk um 1660 durch einen äusseren Mauerring verstärkt. Alcúdia profitierte übrigens nicht nur von seiner herausragenden Meereslage. Die von den Römern errichtete Strasse Pollentia - Palmería, die auch in ihrem heutigen Verlauf fast wie ein gerader Pfeil verläuft, war als Nord-Süd-Achse ein blühender Handelsweg.

Die Alcudienses sind stolz auf ihre Stadt. Nicht nur auf das Erbe der römischen Kultur, sondern auch auf den ihr im Jahre 1535 von Karl V. verliehenen Titel ‘die treue Stadt’.

Der Wandel desMassentourismus

Ein ganz anderes Bild vermittelt dagegen Port d’Alcúdia. Von dort aus verkehren noch immer Schiffe nach dem nahegelegenen Ciutadella. Doch nur noch wenige Fischer legen ihre blauen Netze im Hafen aus. Sie sind von den Schiffen der Freizeitkapitäne längst verdrängt worden. Der kleine Fischerhafen ist der am tiefsten gelegene Punkt der Bahía de Alcúdia und hat sich seit den 70er Jahren zu einem der touristischen Zentren auf Mallorca entwickelt. Der Port ist heute für Passanten als autofreie Zone eingerichtet. Doch die Holzbohlen, mit denen nach dem Vorbild der Hafenanlage in Barcelona die Fussgängerzone ausgestattet worden ist, haben sich bei den hohen Temperaturen der Sommermonate nicht sonderlich bewährt. Die Bar- und Restaurantbesitzer klagen über die drückende Saunaluft.

Am dreieinhalb Kilometer langen Sandstrand reihen sich dicht an dicht Hotels, Ferienwohnungen, Freizeit- und Sportcenter, Gross-Supermärkte, Souvenirläden, Bars, Diskotheken und Bierkneipen. Während die deutschen Urlauber in s’Arenal und die britischen Pauschalreisenden in Magaluf mehr oder weniger unter sich sind, treffen sich in Port d’Alcudia Touristen aus den verschiedensten Nationen. Dort zeigt sich der Urlauber aktiv. Seine Reisekasse ist auch dementsprechend besser ausgestattet. Er surft, taucht, segelt und paraglidet im sanften Flug leise zur Bucht hinab. Alcúdias Touristikmanager verstehen es vortrefflich, blaues Meer, bunte Segel und unberührte Berglandschaft in einem Atemzug zu vermarkten. So hat sich der eher geschmacklose Zustand von einst, der von Pommesbuden und heimsprachigen Kneipen geprägt war, rechtzeitig zu einem einträglichen Projekt des Qualitäts- und Erlebnistourismus gewandelt.

Das beliebte Ausflugsziel der Mallorquiner

Im Osten von Port d’ Alcúdia liegt der Ortsteil Alcanada mit seinem gleichnamigen Inselchen und einem langen Kieselstein- und Felsstrand. An Wochenenden bauen dort hunderte Mallorquiner ihre Tische auf und zelebrieren ein vergnügliches Zusammensein mit allerlei Gegrilltem und der obligatorischen Paella.
Die Umgebung der geschichtsträchtigen Stadt bietet abseits des Urlauber-Rummels einige landschaftlich reizvolle Glanzlichter und ökologische Wunderwerke. An erster Stelle sind dabei die Albufera und ihre kleinere Schwester, die Albufereta, zu nennen. Letztere liegt an der Bahía de Pollença zwischen Alcúdia und Port de Pollença. Die Albufera ist das wichtigste Feuchtgebiet der Balearen und wurde 1988 zum ersten Naturpark der Inseln erklärt. Das Biotop befindet sich im Viereck von Port d’Alcúdia, Ca’n Picafort, Muro und Sa Pobla. Seine Flora & Fauna ist von atemberaubender Vielfalt. Allein über 200 Vogelarten haben die aus ganz Europa anreisenden Ornithologen bisher registriert.

Die Halbinsel Sa Victória wird in der Beliebtheitsskala von ihrem Pendant Formentor weit unterbewertet . Ein Grund dafür ist wohl die Stationierung der spanischen Armee, noch aus Franco - Zeiten. Seitdem unterliegt Cap Pinar als Sperrzone der Militärgewalt. Vor zwei Jahren wurde die Abgeschiedenheit der Soldaten allerdings empfindlich gestört, als die Regierung inmitten des idyllisch gelegenen, landschaftlichen Kleinods eine Gästeresidenz des Govern Balear errichten wollte. Nach heftigen Protesten der Bevölkerung, die seit Jahrzehnten keinen Fuss auf die Spitze der Halbinsel setzen durfte, musste die Regierung das selbstherrliche Prestigeobjekt aufgeben. Für viele Mallorquiner ist im Sommer neben Alcanada auch Sa Victória ein beliebtes Ausflugsziel. Sie picknicken in den Pinienwäldern rund um den Strand S’Illot mit seiner kleinen vorgelagerten Insel. Die Gläubigen unter ihnen verbinden den Wochenendtrip mit einer kurzen Andacht in der Ermita de Nostra Senyora de la Victória. Die Legende berichtet von einer Madonnenfigur, die von Piraten bei Überfällen mehrmals gestohlen wurde und auf wundersame Weise immer wieder an ihren Platz in der Kapelle zurückgelangte. Die Halbinsel bietet mit der Penya del Migdia und der Talaia d’Alcúdia zwei markante Aussichtspunkte mit einem überwältigenden Panoramablick. Die 444 Meter hohe Talaia ist zwar mühsam zu besteigen, doch der Rundblick von oben belohnt die Mühe allemal.

Noch gelingt es Alcúdia, die Balance zwischen seiner historischen Vergangenheit, seiner reizvollen landschaftlichen Umgebung und einer rasanten touristischen Weitererschliessung einigermassen zu halten. In welche Richtung aber das Pendel in diesem neuen Jahrtausend ausschlagen wird, ist eine Frage, die sich für ganz Mallorca stellt. Auf einem Rundgang durch das heutige Alcúdia erwarten die Besucher einige unerwartete Erlebnisse. Sofern man den Marktsonntag, an dem regelrechte Touristenmassen angereist kommen, meidet, zeichnet sich das Städtchen in seinem alten Kern durch Ruhe und angenehme Gelassenheit aus. Dies liegt vor allem an der durchgehenden Fussgängerzone, die Bummlern, aber auch Eiligen und Geschäftigen die Vorzüge einer autofreien Innenstadt bietet. Die Fassaden der Häuschen sind schlicht und liebevoll renoviert. Bars laden zu Tapas mit einem Wein ein.

Einwohner 2007: 17.435



  
 
 
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