Der Touristenort Cala Ratjada an der nördlichen Ostküste Mallorcas hat sich den Charme eines familiär geprägten Urlaubsdomizils bewahrt. Noch. Umgeben von den zwei Wahrzeichen des Ortes, dem weissen Leuchtturm an der Steilküste und der Villa Sa Torre Cega (der blinde Turm), sind auch in Cala Ratjada die ersten Auswirkungen von Bauspekulation und Massentourismus spürbar. Nur rund 200 Personen der rund 3000 Einwohner leben noch vom Fischfang. Auf einen lokalen Journalisten, der sich kritisch mit der Entwicklung des Ortes auseinandersetzt, wurde sogar geschossen. Cala Ratjada gerhört verwaltungs-
technisch zur Gemeinde Capdepera.
Landschaft und Leuchtturm
Schon zeitig am Vormittag ist es eine kleine Karawane, welche die gewundene Strasse hochzieht zum Leuchtturm. Rund zwei Kilometer sind es, die in leichter aber stetiger Steigung durch Pinienwälder hinaufführen. Die meisten bewältigen die Strecke zu Fuss, einige versuchen es mit dem Fahrrad und der klassische Mietwagenbesucher zuckelt im zweiten Gang bis nach oben.
Der Leuchtturm von Cala Ratjada liegt am östlichsten Punkt Mallorcas. Mit dem Kollegen gegenüber auf Menorca steht der Turmwärter in Leuchtkontakt. Für die Besucher des Touristenortes Cala Ratjada zählt der Marsch zum Standardgrogramm. Von hier aus hat man einen schönen Blick auf den Ort und die nett geschwungene Küstenlandschaft mit Cap Vermell im Süden und Cap des Freu im Norden. Die meisten Wanderer treffen in der Abenddämmerung ein, denn in Verbindung mit der hinter den Bergen untergehenden Sonne wirkt das Ambiente fast meditativ entspannend. Selbst Spaniens Chanson Ikone Juan Manuel Serrat fühlte sich inspiriert, ein Lied über der Leuchtturm von Cala Ratjada zu komponieren. In der Tat zählt die Besichtigung des weissen Turms, neben der auf einem gegenüberliegenden Hügel gelegenen Villa des mallorquinischen Bankiers Joan March, zu den grössten intellektuellen Herausforderungen, mit denen der typische Cala Ratjada-Tourist konfrontiert wird. Das mag im ersten Moment bescheiden wirken, ist es aber gar nicht, vergleicht man diese Ausflüge der Musse mit den Eindrücken, die Spaziergänger an der Platja de Palma zu verarbeiten haben.
Frühstück von 6 Uhr morgens
Cala Ratjada zählt mit seinen rund 2.500 Einwohnern zur Gemeinde Capdepera. Die Tatsache, dass in den Sommermonaten die Einwohnerzahl auf über das zehnfache ansteigt, ist Zeugnis der wichtigsten Einnahmequelle des Ortes, dem Tourismus. Jedoch bildet die hügelig schöne Landschaft einen noch immer vorhandenen, wenn auch aufgrund der wachsenden Bebauung kleiner werdenden Kontrast zu den Massenschlafburgen in Arenal oder Peguera. Zwei bis drei Seitenstrassen vom zentralen Dorfplatz entfernt, hat sich der Ort noch ein mediterran dörfliches Ambiente erhalten. Ein einfacher Sparmarkt mit reduziertem Angebot für die Einkäufe um die Ecke, ein Grossvater, der seinen Enkel von der Schule abgeholt hat, ein schachbrettartig angelegtes Ortszentrum mit Häusern, die nicht mehr als drei Stockwerke haben und ein noch relativ geruhsamer Fluss des Verkehrs, vermitteln dem Besucher das Bild eines einfachen, wachsenden, nicht aber boomenden Ferienortes.
Gemäss der Statistiken über die wichtigste Besuchergruppe der Balearen, wird auch in Cala Ratjada vorwiegend "deutsch gesprochen". Ein Schild mit der Aufschrift "Frühstück von 6 Uhr morgens" hängt an der im Ortszentrum gelegenen Bar Papeo. Doch ist dieser Hinweis nicht etwa für die arbeitsame Frühaufstehergemeinde gedacht, damit sie den morgendlichen Cafe in die Papeo Bar verlegen möge. Nein, es sind die jugendlichen Spätheimkehrer, die um diese Uhrzeit aus den beiden bekanntesten Discotheken des Ortes strömen und sich vor dem Weg in die Horizontale noch etwas stärken möchten. Jugendlicher seien die Besucher geworden, berichtet Pedro, der Kellner aus dem Papeo. Und mehr Randale gäbe es auch als früher, wobei Pedro mit früher die Zeit vor drei, vier Jahren meint.
Einwohner 2007: 10.885 (Capdepera) - davon ca. 2.500 (Cala Ratjada)
Quelle: LEBEN auf den Balearen Die Zeitschrift in deutscher Sprache