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 Fornalutx
 
 
 © Klaus Siepmann    
Blick über Fornalutx  
Das schönste Dorf Spaniens versteckt eine bewegte Geschichte hinter
perfekten Natursteinmauern

Wer in den frühen Morgenstunden über die Hauptstraße, der Carrer Major, nach Fornalutx hinein fährt, erlebt ein kleines Wunder. Dann nämlich scheint das neunkleinste Dorf Mallorcas einem verlassenen Freilichtmuseum gleich, das nach Stille und Unberührtheit förmlich nur so riecht.

Um die Mittagszeit ist es mit der Ruhe allerdings vorbei. Ähnlich wie in Valldemossa und Deià zieht auch Fornalutx Heerscharen von Touristen an. Und das an 365 Tagen im Jahr. Grund dafür ist die außergewöhnliche Schönheit der Dorfanlage und ihrer märchenhaften Naturumgebung, die sich wie ein unendliches Gemälde zwischen den Bergzügen der Tramuntana ergießt.
Rechts, links und mittendrin zieren Orangen- und Zitronenhaine das Bild dieses verträumten Natursteindorfes. Nicht umsonst heimste sich das Gemeindeamt im Jahre1983 den vom Tourismusverband verliehenen Preis für das schönste Dorf Spaniens ein.

Der Name Fornalutx stammt von dem römisch-lateinischem Begriff ,,Fornalucem” ab und bedeutet soviel wie Ofen und Feuer (span. ,,horno y fuego”), Elemente, die sich auch im Wappen des Dorfes wiederfinden. Diese Bezeichnung bringt übrigens den Verdacht nahe, dass es sich bei den ersten Häusern der Siedlung um eine antike Schmiede handelte. Die Endsilbe ,,-utx” ist die arabische Abwandlung der römischen Endung ,,-ucem” .Die Bezeichnung als Wohnort taucht in italienischen Geschichtsbüchern aus dem Jahre 1484 das erste Mal auf. Dort wird die Kirche von ,,Fornalugi” erwähnt. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts gilt Fornalutx nur als ein höher gelegener Gemeindebezirk der Stadt Soller. Erst 1837 wird aus ihm ein eigenständiger Wohnort. Der eigentliche Dorfbezirk beginnt in einer Gegend, die als “Clot de Fornalutx” bekannt ist, um im nordöstlichen Teil des Tals von Sóller 166 Meter über dem Meeresspiegel gelegen ist. Das Gemeindegebiet Fornalutx ist von fast 1000 Meter hohen Bergen förmlich umzingelt. Es schlummert zwischen den Gipfeln des Puig de s’Alzinar (931m), dem Collet de Bini (890m), dem Puig del Senyor Nofre (860m) und dem Puig des Ferro (1330m).

Geschichte

Die eigentliche Geschichte des Dorfes beginnt übrigens genau genommen dort, wo für sie für viele andere bereits zu Ende war.
Im 14. Jahrhundert wütete die Pest in den meisten Regionen Europas und raffte einen großen Teil seiner Bewohner nieder. Auch die Balearen blieben von der Seuche nicht verschont. So starb der Großteil der Familien aus, die in Fornalutx lebten. Der damalige Herrscher Mallorcas, König Sanç, dessen Residenz noch heute in Valldemossa zu finden ist, kam jedoch auf eine außergewöhnliche Idee, um die Bevölkerungszahl seiner ihm Untergebenen “wiederzubeleben”.

Auf seinen Reisen hatte er Jahrzehnte zuvor bereits viele Länder des Mittelmeeres kennengelernt. Von Norditalien war er aber meisten fasziniert gewesen. So ließ er königliche Botschafter auf einem Schiff nach Italien schicken. Seine Abgesandten machten mehreren Familien in der Nähe von Donarotti im Norden des italienischen Reiches das Angebot, nach Mallorca zu kommen, um dort in den verlassenen Häusern von Fornalutx ein neues Leben zu beginnen. Als besonderen Reiz offerierte er ihnen den bedingungslosen Schutz seines Königsreiches und jahrzehntelange Abgabenfreiheit. Dieses Angebot muß einen guten Eindruck bei den Italienern hinterlassen haben.

Nur wenige Monate später kehrten mehrere Familien unter der Flagge von Rey Sancho nach Palma zurück und besiedelten die ausgestorbene Gegend oberhalb Sóllers. Die friedlichen Zeiten auf den Inseln und ein für damalige Verhältnisse außerordentlicher Wohlstand liessen die Gegend schon bald wieder aufblühen. Die neuen Einwohner verstanden es aber nicht nur die fruchtbaren Felder wieder in den Griff zu bekommen, sondern zeigten sich auch als Außendekorateure ihrer Eigenheime von großer Kunstfertigkeit. Sie bemalten die Kacheln der Dachüberstände ihrer Häuser mit farbigen Mosaiken und Formen.
Diese Tradition wurde später über Jahrhunderte von Generation zu Generation weitergegeben und ist heutzutage noch an 28 Häusern des Dorfes auszumachen. Ein Detail, das Fornalutx im Laufe der Geschichte zum Unikum unter Spaniens Dörfern werden ließ. 1972 wurde das Dorf aus diesem Grund auch unter Denkmalschutz gestellt.

Ein knappes Jahrtausend nach König Sancho war es wiederum ein anderer Herrscher, der Fornalutx zu einem besonderen Ort in der Geschichte der Balearen werden ließ.

Spaniens faschistischer Diktator Franco hatte sich im Laufe seiner Regierungszeit ebenso wie in Katalonien auch auf den Balearen nicht gerade beliebt gemacht. Ein Grund dafür war, unter vielen anderen, das Verbot der eigenen Sprache und die Standardisierung von hochspanischen Straßennamen und öffentlichen Plätzen. Alle zentralen Punkte der Dörfer und Städte Spaniens erhielten im Zuge von Francos sprachlicher “Gleichschaltung” die Bezeichnung Plaza España, und so mancher Gemeindeweg hieß plötzlich “Calle Generalísimo Franco”. Nach seinem Tod verschwanden zumindest die Straßenschilder mit dem Namen des “Obergenerals”. Wer heute durch Fornalutx schlendert, findet im Ortskern der Gemeinde allerdings beide Namen wieder. Aus der kastillischen Bezeichnung “Calle” machten die Leute aus Fornalutx jedoch das katalonische Synomim “Carrer” und aus dem “Generalísimo” wurde ein einfacher General. Das, so hofften die Einwohner, würden den eitlen Diktator dazu veranlassen, sich noch im Grabe vor Ärger umzudrehen. Rache ist eben süß. Auch in Fornalutx.


Gegenwart

Heute gilt das von seinen Bewohnern (im wahrsten Sinne des italienischen Wortes) “picobello”-sauber gehaltene Dorf als Start- und Endziel von traumhaften Ausflügen hinunter ins Tal nach Sóller oder hinauf ins oberhalb gelegene Gebirge. Wer vom Rathaus, dem ehemaligen Herrensitz “Ca n’Arbona”, die Natursteintreppen hinuntersteigt, gelangt zu dem malerischen Wasserlauf des Dorfes. Hier sprudelt ein kristallklarer Bach aus den Bergen hinab ins Tal und sorgt auch in den heißen Sommermonaten für eine immergrüne Vegetation, in der Orangen- und Zitronenbäume ein Paradies entdeckt zu haben scheinen.
In dieser Idylle kann dann auch der Rest des Ortes das ganze Jahr über die Tausenden von Wochendausflügler, Urlaubs-, Trekker- und Kaffee-Touristen mit einer schier unendlichen Geduld ertragen. Die heutigen Bewohner von Fornalutx sprechen in der Mehrzahl nur wenig akzentfreies Spanisch oder Katalonisch. Genauer gesagt handelt es sich bei den meisten um zugezogene Ausländer, Künstler aller Sparten und aus aller Herren Länder. Sie haben in dem pittoresken Vorzeige-Ort ein Kaleidoskop von Motiven und Inspirationen gefunden.

Wer nachvollziehen will, warum die Künstler gerade an diesem Ort seßhaft geworden sind, sollte Fornalutx am besten bei Sonnenaufgang besuchen.


Einwohner 2007: 722

 
  
 
 
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