Lloseta findet nur wenig Beachtung in den
Reiseführern. Über Jahrhunderte hinweg lebte das Dorf am Rande
der Serra de Tramuntana von der Landwirtschaft und kleinen handwerklichen
Betrieben.
Lloseta ist ruhig und schlicht. Auf der Hauptstraße quälte
sich früher Auto an Auto vorbei, pubertäre Mopedfahrer quetschten
sich mit laut knatternden Maschinen noch zwischendurch. Seit der Verkehr
umgeleitet worden ist und die Hauptstraße zur Einbahnstraße
wurde, ist es wieder ruhiger im Dorf der Mancomunitat des Raiguer geworden.
Eine eigene Auffahrt zur Autobahn Inca-Palma hat Lloseta nicht. Doch
die Bewohner des Dorfes, Llosetins genannt, steigen oft in den Zug in
beide Richtungen. Der Bahnhof ist renoviert worden, früher hatte
er einen schon etwas verblichenen Anstrich in einem tiefen Altrosa-Farbton.
Schade, daß man diesen für den Neuanstrich nicht wiedergewählt
hat.
Leben
Wer von Lloseta nur die Hauptstraße kennt, findet
es vielleicht häßlich. Sobald man aber ein paar Treppen
hochsteigt, befindet man sich in einem Labyrinth von Winkeln und
Gäßchen und man spürt, daß Mallorca hier
noch so ist, wie es einmal war, bevor die Massen des Tourismus
eingeflogen sind. Lloseta ist ein Dorf für die Bürger.
In der Dorfkirche steht die Mare de Déu de Lloseta, die
die Einwohner vor der Hungersnot gerettet haben soll und das Oratorio
der Virgen del Coco. Soweit das Religiöse. Das Leben in den
Bars beginnt ganz früh, weil die Arbeiter und Handwerker
ihren café mit cognacs trinken.
Nachmittags sitzen die älteren Damen und Männer
an runden Tischen und spielen Karten. Während es morgens
in den Bars laut und geschäftig zugeht, sind die Nachmittage
still und bleiern. Die Restaurants in Lloseta haben lange versucht,
mit gutem Essen Gäste aus anderen Regionen der Insel heranzulocken.
Nachdem ihnen das nicht gelungen ist, sind sie froh, wenigstens
die sonntagsmüden Nichtkocher an ihren Tischen begrüßen
zu können.
Doch an den Festen sind sie täglich überfüllt.
Das Fest der Virgen del Coco beginnt am Mittwoch nach Ostern,
das Fest der Mare de Déu de Lloseta im September. Man sagt,
daß man die Petersilie säen soll, wenn die Llosetins
im September die Fahnen fürs Fest hochziehen. Dann regne
es garantiert. Auch der Karneval wird gefeiert. Es begann mit
einigen Jugendlichen, die von Bar zu Bar zogen, sangen und tanzten.
Ihr Auftritt wurde in jeder Bar mit Alkoholika belohnt und je
länger die Runde durch die Bars dauerte, desto ausgelassener
wurden die Auftritte. Heute wird der Karneval vom Rathaus aus
organisiert, es findet sogar ein Umzug mit Prunkwagen statt.der
etwa fünf Kilometer nördlich gelegende Kloserberg Randa.
Handwerk
Das Dorf Lloseta hat eine große handwerkliche Tradition.
Schon im 17. Jahrhundert verzeichnete man Schneider und Weber, später
kamen die Schuhmacher hinzu. Auch heute noch hat Lloseta eine Weberei,
die die traditionellen mallorquinischen Stoffe herstellt. Viele
Schuhmacher mußten sich in Krisenzeiten von ihren Leisten
verabschieden. Doch seit man sich auf Berg- und andere Sportstiefel
spezialisiert hat, geht es wieder aufwärts mit der Schuhmanufaktur.
Lloseta war immer das Dorf am Weg. Während der römischen
Besetzung fuhr man mit Pferd und Wagen durch Lloseta, in arabischer
Zeit den Camí des Raiguer nach Alcúdia. In Lloseta
münden mehrere Torrente ineinander, es war und ist reich an
Wasser. Vor der arabischen Zeit sind bereits Aufzeichnungen über
die Besitztümer eines Fideikommisses und eines Talaiots erhalten
geblieben. Ein Fideikommiß hatte über das Land zwar Nutzungsrechte,
jedoch keine Verfügungsrechte. Mag sein, daß diese im
Mittelalter häufige Rechtsform wegen ihrer damaligen Besonderheit
aufgezeichnet worden ist. Vor der arabischen Zeit wurde der Ort,
an dem heute Lloseta liegt, Aiamans i Lloseta genannt. Dies ist
der Nachweis dafür, daß es in Lloseta kontinuierlich
von der prähistorischen Zeit bis zur arabischen Besetzung menschliche
Siedlungen gab.
Qnanrusa und die Rubines
Die 400 Jahre andauernde arabische Zeit prägte auch Lloseta
und Umgebung. Sie gehörten dem Distrikt des 'Juz de Qanarusa'
an. Dieser war in die Alquerien d'Aiamans und Lloseta aufgeteilt.
Es wurden Quellen in Kanäle gefaßt und um das Wasser
aus den Bergen zu sammeln, große safaraigs gebaut. Auch viele
der Natursteinmauern Llosetas gehen auf diese Zeit zurück.
Mit ihnen entstanden die Terrassen, auf denen Obst und Gemüse
angebaut, aber auch Mandel- und Olivenhaine angelegt wurden. Nach
der Eroberung durch Jaume I. im Jahre 1229 wurde Mallorca in 15
Regierungsbezirke aufgeteilt. Lloseta ging -wie auch Binissalem-
an die Familie der Rubines. Es blieb auch weiterhin ein reines Agrardorf.
An den Mitte des 15. Jahrhunderts stattfindenden Bauernaufständen
waren die Bauern Llosetas aktiv beteiligt. Vertreten wurden sie
von einem gewissen Bernat Terrassa. Das ganze endete damit, daß
man ihn in aller Öffentlichkeit enthauptete und seine Familie
enteignete.
Von Krisen und besseren Zeiten
Die Pest- und Hungerjahre am Ende des 15. Jahrhunderts dezimierte
die Bevölkerung. Das Dorf erholte sich erst im 16. Jahrhundert
und konnte wieder Wachstum verzeichnen. Das Ackerland, die Wälder
und die Baumbestände Llosetas wurden unter 75 posseidors aufgeteilt.
Im 17. Jahrhundert sind in den Stadtarchiven erstmals kleine Handwerksbetriebe
verzeichnet. Da gab es zuerst zwei Weber, einen Maurer, picpapedrer
genannt, und einen Schneider. Wenig später kamen ein Bäcker
und ein Schmied dazu. Eine Veränderung fand auch mit den großen
Ländereien der Possessionen statt. Sie wurden parzelliert und
immer mehr kleine Bauernbetriebe entstanden. Doch der größte
Grundbesitz gehörte immer noch der Familie Aiamans i Lloseta.
Doch bald brachten die bandoleros die nächste Krise. Lloseta
wurde zur Zuflucht für sie. Auch die Senyors der großen
Possessionen versteckten sie bei sich. Daß er die bandoleros
nicht angezeigt hatte, brachte Alberti Ballester de Togores, Graf
von Aiamans, einen Rüffel des Vizekönigs Lope de Francia
y Gurrea ein. In der schriftlich niedergelegten Rüge sind 1641
die Namen von sechs versteckt gehaltenen bandoleros aufgeführt.
Der Vizekönig Rederic de Borja-llancol räumte bis Ende
des 17. Jahrhunderts endgültig mit dem wilden Treiben der bandoleros
auf.
Im Jahre 1700 bestieg Philipp V. den spanischen Thron, doch auf
Mallorca trat die Bevölkerung für die Ansprüche des
Erzherzog Karl ein. Nicht so die Herren von Lloseta. Die Familie
Sales, Senyors de Son Pelai, galten zu den Getreuen von Philipp
V. Das Gut von Son Pelai gehört heute der Familie des Apothekers.
Wenn man Richtung Alaró das Dorf verläßt, sieht
man rechter Hand eine malerische Possessió, gut restauriert
und mit riesigen Palmen geschmückt.
Im Jahre 1749 herrschte wieder eine Hungersnot. Die Llosetins wandten
sich in ihrer Religiosität an die Mare de Déu de Lloseta
und die Zeiten besserten sich tatsächlich.
Lloseta kämpfte lange Jahre um die Unabhängigkeit von
Binissalem, dem es seit arabischer Zeit angehörte. Es ging
immer um die Gemeindegrenze und die Zahl der Pferde, die Lloseta
von Binissalem erhalten sollte, um das Land bewirtschaften zu können.
1812 war es dann fast soweit. Es kam eine Verfassung zustande, die
einen Diskurs zwischen den liberalen und konservativen Kräften
zuließ. Doch während sich Lloseta noch mit Binissalem
um die Zahl der Pferde stritt, kam 1814 Ferdinand VII. nach Mallorca,
hob die Verfassung auf und setzte die Inquisition wieder ein. So
dauerte es noch bis 1843, daß Lloseta wirklich eigenständig
wurde und auch eine eigene Gerichtsbarkeit einsetzen konnte.
Elektrizität, Minen und Schuhmacherei
Im Jahr 1875 wurde die Zugstrecke Palma-Inca eröffnet.
Seither hat Lloseta einen Bahnhof und ist noch heute durch das Schienennetz
umweltfreundlich mit den Orten in Richtung Palma und Inca verbunden.
Ende des 19. Jahrhunderts wurden in Lloseta die ersten Schuhmanufakturen
gegründet. Man hatte Erfolg und konnte bald schon mehr Arbeiter
beschäftigen. Die Schuhpaare wurden auf das spanische Festland
und auch in die spanischen Kolonien verschifft. Der Verlust der
Kolonien Philippinen und Kuba in den Jahren 1898 und 1899 reduzierte
auch den Export. Viele der Llosetins waren ohne Arbeit und wanderten
nach Marseille, Algerien und Amerika aus. Der Erste Weltkrieg brachte
wieder mehr Arbeit. Die Elektrifizierung des Dorfes machte größere
Produktionszahlen möglich. In Lloseta wurden Stiefel für
französische Soldaten genäht. Auch nach Kriegsende florierte
die Produktion der Stiefel weiter. Während des Spanischen Bürgerkrieges
wurden die Schuhmacher zwangsverpflichtet, Stiefel für Francos
Truppen anzufertigen.
Lloseta heute
Seit Anfang des 20. Jahrhunderts förderte man in Lloseta
Braunkohle. Mit Sant Antonio und Sant Tomas gab es zwei Förderstollen.
Der Schornstein der Mine des Sant Antonio ist noch erhalten, er
steht am Ortsende bei der Ausfahrt nach Inca. Heute ist in den Bürogebäuden
eine Ausbildungsstätte für arbeitslose Jugendliche untergebracht.
Die Braunkohleförderung wurde wegen Unwirtschaftlichkeit eingestellt.
1966 begann die Portland S.A. ihre Zementfabrikation in Lloseta
und von da an wurden viele der Llosetins Arbeiter und Lastwagenfahrer
bei dem Zementkonzern.
Einwohner 2077: 5.493
Quelle: LEBEN auf den Balearen - Die Zeitschrift
in deutscher Sprache