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 Lluc
 
Ganz anders...

Mallorca ist ganz anders, als es in den rastlosen und gehetzten Zeiten der zu einem einzigen Dorf mutierenden Welt dargestellt wird. Mallorca, das sind felsige Steige hinauf in eine schroffe Bergwelt und verschlungene Köhlerpfade hinab durch Steineichenwälder und Gärten, in denen Mandelbäume und Palmen wachsen. Verwunschene Schäferpfade führen, nur Eingeweihten bekannt, vorbei an gespenstisch gekrümmten Olivenbäumen und betörend duftenden Rosmarinsträuchern an stillste und abgelegenste Plätze. Mallorca ist für den, der es entdecken will, ein Naturereignis.

Der Ort

 
 © Klaus Siepmann    
Klosterkapelle in Lluc  
Ein Ort, der auf der Insel das Klischee ‘Herrgottswinkel’ bedienen kann, ist das ‘Santueri de Lluc’. Wie ein riesiges Vogelnest liegt der Wallfahrtsort, eingebettet von fruchtbaren Tälern und von hohen, mächtigen Bergmassiven flankiert, fast wie ein künstlich erschaffenes Produkt des banalsten Kitsches inmitten der Serra de Tramuntana. Die klotzigen Felsrücken bieten Schutz vor jeglicher Unbill und auch dem kleinsten Ungemach. Gibt es also für eine heilige Madonnenfigur eine geeignetere Stelle der Abschirmung und der Geborgenheit? Wohl kaum.

Die Legende

Die Legende der Nostra Senyora de Lluc, die von den Gläubigen ‘Sa Moreneta’, die Dunkelhäutige, genannt wird, bildete sich bald nach der christlichen Rückeroberung Mallorcas im Jahr 1229 durch Jaime I. Der maurische Hirtenjunge Lluc, dessen arabische Eltern zum christlichen Glauben konvertiert waren, bemerkte beim Hüten der Schafe in der Nacht ein sanftes Leuchten, dem er folgte. Er fand im Gestrüpp eine kleine Madonnenfigur, die wie er von dunkler Hautfarbe war. Er brachte die Statue zum Pfarrer von Sant Pere in Escorca.

Doch als am Tag darauf die Neugierigen Llucs Fund betrachten wollten, hatte die Schwarze Madonna das Weite gesucht. Dieses Katz und Mausspiel wiederholte sich mehrere Male, bis dem Gottesdiener die Eingebung kam, dass ‘Sa Moreneta’ genau an dem Ort verehrt werden wollte, wo sie der Hirtenjunge gefunden hatte. Der Geistliche liess flugs eine Kapelle errichten, und als immer mehr Gläubige herbeiströmten, entstand zunächst die Augustiner-Einsiedelei Nostra Senyora de Lluc , der später der Bau einer Herberge folgte.

Die Geschichte

Im 15. Jahrhundert erreichte der Wallfahrtsort Lluc seinen ersten Höhepunkt. Der mallorquinische Ritter Tomás y Tomás gründete ein weltliches Priesterkolleg, das sich auch der geistlichen Betreuung der Pilger annahm. 200 Jahre später wurde eine neue Ära in der Geschichte des Santueri de Lluc eingeleitet. Die einfache Kirche entsprach nicht mehr der Bedeutung des heiligen Ortes. Nach den Plänen des berühmten Baumeisters Jaume Blanquer wurde von 1622 bis 1691 ein viel grösseres Gotteshaus erstellt, das bis heute den religiösen Mittelpunkt der Wallfahrtsstätte bildet. Die sakrale Bedeutung der Kirche wurde auf Erden höchstmögliche Weihen gesteigert, als Papst Johannes XXIII. sie im Jahr 1962 in den Rang einer Basilika erhob.

Das religiöse Kleinod ist nicht ohne Prunk. Den Hochaltar schuf Baumeister Jaume Blanquer persönlich. Das Hauptschiff besitzt jeweils 3 Seitenkapellen, in denen prachtvolle Altäre des Heiligen Josef, des Heiligen Petrus und von Jesus Christus stehen. Die Vierungskuppel mit den 12 Aposteln überwölbt den Hochaltar mit einer baulich so kunstvoll angelegten Ausrichtung, dass Übergänge fast fliessend erscheinen und der schweifende Blick zu einem fulminanten, optischen Ereignis wird. An den linken Wänden des Querschiffs hängen Gemälde der Heiligen Franziskus und Sebastian, auf der rechten Seite von den Heiligenfrauen Catalina Tomás und Teresa de Jesús.

Die eigentliche Madonnenkapelle mit der Nostra Senyora de Lluc liegt hinter dem Hochaltar. Die Schwarze Madonna wurde 1884 von Bischof Don Mateo Jaume im Namen des Papstes Leo XIII. gekrönt. Die interne und organisatorische Ordnung des Santueri änderte sich Ende des 19. Jahrhunderts grundlegend. 1891 zogen die Padres der Kongregation des Heiligen Herzens Jesu in Lluc ein. Sie übernahmen die Verwaltung und die liturgischen Aufgaben, die sie bis heute innehaben.

Gaspar Alemany ist seit nunmehr über 7 Jahren der Prior der heiligen Stätte. Er betont aber immer wieder den weltlichen Charakter des Ordens und die Bedeutung von Lluc für die Bevölkerung. Tatsächlich ist der Wallfahrtsort das Sinnbild der mallorquinischen Identitätsstiftung. Nicht zu vergessen ist in diesem Zusammenhang auch, dass das Santueri de Lluc während der fast 40 jährigen Franco-Diktatur eine der wichtigsten Schutzzonen auf der Insel war, innerhalb derer relativ gefahrlos die eigene Sprache und Kultur gepflegt werden konnten. Kein Büttel der Falangisten hätte es jemals gewagt, die Existenz dieses Freiraums zu beenden.

Brauchtum und Festkultur

Jedes Jahr im September treffen sich in den grossen Hainen von Lluc Tausende von Mallorquinern. Diese Zusammenkunft mit einer riesigen Paella und dem eigenen Grillen steht für die meisten in ihrer Bedeutung kaum der ‘Diada de Mallorca’ nach.
Das andere wichtige Ereignis findet seit 23 Jahren immer im heissesten Monat , dem August, statt: der ‘Des Güell al Lluc a peu’. In Sommer 2000 machten sich 15.000 Pilger auf den langen und anstrengenden Marsch von Palma nach Lluc. Die Motivation für dieses Opfer kann für die Teilnehmer verschiedene Hintergründe haben: Die einen erbitten sich von dem Allmächtigen Hilfe bei der Bewältigung schwerwiegender Probleme. Andere büssen auf der fast 50 Kilometer langen Strecke mehr oder minder schwere Sünden und Verfehlungen ab. Viele nehmen die Strapazen aber einfach aus tiefer Frömmigkeit und aus verzückter Verehrung der Schwarzen Madonna auf sich.

Prior Gaspar Alemany ist sichtlich stolz auf das mächtige Minidorf. Pro Jahr finden fast 1 Million Besucher den Weg in das Pilgerzentrum. Der Prior und die Glaubensgemeinschaft aus nur 6 Priestern fragen nicht nach einem Pass oder dem richtigen Religionsbekenntnis. Sie bieten in 150 Zimmern Übernachtungen an. Viele Wanderer nutzen dankbar diese Möglichkeit.

Das Internat von Lluc ist eine der besten Ausbildungsadressen auf der Insel. Der Unterricht erfolgt in der Primär- und Sekundarstufe. Die Musik- und Gesangschule mit ihrem Knabenchor geniesst weit über Mallorca hinaus hohes Ansehen. Die ‘Blauets’, die Bläulinge, wie die Sängerknaben wegen ihrem blauen Uniformkragen genannt werden, huldigen mit ihren durchdringenden Stimmen nicht nur der Nostra Senyora; sie erinnern auch immer an den kleinen Hirtenjungen Lluc, ohne dessen wundersame Erlebnisse es das Santueri gar nicht geben würde.

Das Museum von Lluc wurde 1952 eröffnet und zeigt in fünf grosszügig ausgelegten Sälen Kunstwerke, die nach Themenbereichen aufgegliedert sind. Die Exponate umfassen Relikte aus der Vorgeschichte, religiöse Figuren, balearische Trachten, Keramik, Malerei und die Bildersammlung des katalanischen Malers Coll Bardolet.

Am Abend, wenn die Busse und Autos der Touristen weggefahren sind, ist von der hektischen Betriebsamkeit nichts mehr zu spüren, die sich den ganzen Tag über den heiligen Ort ausgebreitet hat. Lluc versinkt in eine würdige Ruhe, die allenfalls von den Logisgästen bei einem Rundgang über den Pilgerplatz durchbrochen wird. Die dezente und wohlgesetzte Beleuchtung erzeugt mit der wechselvollen Wahrnehmung von düsteren Mauern und nur schemenhaft erkennbaren Bäumen, Brunnen und Statuen ein beklommenes Gefühl. Die ‘els porxets’, die 1568 erbaute alte Herberge mit ihren Tiertränken, dem langen Säulengang und ihrem aufgestockten Zellengeländer löst bei Nacht fast schon mystische Vorstellungen aus. Zum emotionalen Blackout fehlen nur noch die Gregorianischen Gesänge.


Es ist kein Wunder, dass Gustave Doré, der grosse französische Illustrator der Weltliteratur, im 19. Jahrhundert nach Lluc kam, um Landschaftsskizzen für Dantes ‘Fegefeuer’ zu entwerfen. In der Tat können das nicht weit entfernt liegende Meer mit seiner phantastisch aufgetürmten Felsenküste, die in naher Nachbarschaft beginnende Schlucht ‘Torrent de Pareis’ mit ihren erdrückenden Steilwänden, das sich unmittelbar hinter Lluc ausbreitende Tal ‘Valle de Albarca’ mit seiner scheuen Andeutung des Schlaraffenlandes und der als mächtiger Schutzwall aufragende Berg Puig Roig die Vorstellungskraft in die Richtung der beiden Extreme Paradies und Hölle beflügeln.

Die Trennung von Kirche und Staat erzeugt nicht immer Weltoffenheit und Toleranz. Dass ein Bürgermeisteramt einer Gemeinde in einem Kloster untergebracht ist, gibt es auf Erden vergleichsweise selten.

Die Kommune Escorca ist eine der Ausnahmen. Sie hat die Verwaltung ihrer derzeit ca. 290 Einwohner im Kloster Lluc angesiedelt. Fast könnte man deswegen von einem Modell für das Arrangement von Himmel und Erde, von Gemeinwesen und Religionsgemeinschaft sprechen.

Aufgeschlossenheit, Aufgeklärtheit und Freiherzigkeit pulsieren durch die Klosteranlage und lassen selbst die altehrwürdigen Mauern lebendig werden.

Einwohner 2007 (Escora): 290


 
  
 
 
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