Mallorca ist ganz anders, als es in den rastlosen und gehetzten
Zeiten der zu einem einzigen Dorf mutierenden Welt dargestellt wird.
Mallorca, das sind felsige Steige hinauf in eine schroffe Bergwelt
und verschlungene Köhlerpfade hinab durch Steineichenwälder
und Gärten, in denen Mandelbäume und Palmen wachsen. Verwunschene
Schäferpfade führen, nur Eingeweihten bekannt, vorbei
an gespenstisch gekrümmten Olivenbäumen und betörend
duftenden Rosmarinsträuchern an stillste und abgelegenste Plätze.
Mallorca ist für den, der es entdecken will, ein Naturereignis.
Ein Ort, der auf der Insel das Klischee Herrgottswinkel
bedienen kann, ist das Santueri de Lluc. Wie ein riesiges
Vogelnest liegt der Wallfahrtsort, eingebettet von fruchtbaren Tälern
und von hohen, mächtigen Bergmassiven flankiert, fast wie ein
künstlich erschaffenes Produkt des banalsten Kitsches inmitten
der Serra de Tramuntana. Die klotzigen Felsrücken bieten Schutz
vor jeglicher Unbill und auch dem kleinsten Ungemach. Gibt es also
für eine heilige Madonnenfigur eine geeignetere Stelle der
Abschirmung und der Geborgenheit? Wohl kaum.
Die Legende
Die Legende der Nostra Senyora de Lluc, die von den Gläubigen
Sa Moreneta, die Dunkelhäutige, genannt wird, bildete
sich bald nach der christlichen Rückeroberung Mallorcas im
Jahr 1229 durch Jaime I. Der maurische Hirtenjunge Lluc, dessen
arabische Eltern zum christlichen Glauben konvertiert waren, bemerkte
beim Hüten der Schafe in der Nacht ein sanftes Leuchten, dem
er folgte. Er fand im Gestrüpp eine kleine Madonnenfigur, die
wie er von dunkler Hautfarbe war. Er brachte die Statue zum Pfarrer
von Sant Pere in Escorca.
Doch als am Tag darauf die Neugierigen Llucs Fund betrachten
wollten, hatte die Schwarze Madonna das Weite gesucht. Dieses Katz
und Mausspiel wiederholte sich mehrere Male, bis dem Gottesdiener
die Eingebung kam, dass Sa Moreneta genau an dem Ort
verehrt werden wollte, wo sie der Hirtenjunge gefunden hatte. Der
Geistliche liess flugs eine Kapelle errichten, und als immer mehr
Gläubige herbeiströmten, entstand zunächst die Augustiner-Einsiedelei
Nostra Senyora de Lluc , der später der Bau einer Herberge
folgte.
Die Geschichte
Im 15. Jahrhundert erreichte der Wallfahrtsort Lluc seinen
ersten Höhepunkt. Der mallorquinische Ritter Tomás y
Tomás gründete ein weltliches Priesterkolleg, das sich
auch der geistlichen Betreuung der Pilger annahm. 200 Jahre später
wurde eine neue Ära in der Geschichte des Santueri de Lluc
eingeleitet. Die einfache Kirche entsprach nicht mehr der Bedeutung
des heiligen Ortes. Nach den Plänen des berühmten Baumeisters
Jaume Blanquer wurde von 1622 bis 1691 ein viel grösseres Gotteshaus
erstellt, das bis heute den religiösen Mittelpunkt der Wallfahrtsstätte
bildet. Die sakrale Bedeutung der Kirche wurde auf Erden höchstmögliche
Weihen gesteigert, als Papst Johannes XXIII. sie im Jahr 1962 in
den Rang einer Basilika erhob.
Das religiöse Kleinod ist nicht ohne Prunk. Den Hochaltar
schuf Baumeister Jaume Blanquer persönlich. Das Hauptschiff
besitzt jeweils 3 Seitenkapellen, in denen prachtvolle Altäre
des Heiligen Josef, des Heiligen Petrus und von Jesus Christus stehen.
Die Vierungskuppel mit den 12 Aposteln überwölbt den Hochaltar
mit einer baulich so kunstvoll angelegten Ausrichtung, dass Übergänge
fast fliessend erscheinen und der schweifende Blick zu einem fulminanten,
optischen Ereignis wird. An den linken Wänden des Querschiffs
hängen Gemälde der Heiligen Franziskus und Sebastian,
auf der rechten Seite von den Heiligenfrauen Catalina Tomás
und Teresa de Jesús.
Die eigentliche Madonnenkapelle mit der Nostra Senyora de
Lluc liegt hinter dem Hochaltar. Die Schwarze Madonna wurde 1884
von Bischof Don Mateo Jaume im Namen des Papstes Leo XIII. gekrönt.
Die interne und organisatorische Ordnung des Santueri änderte
sich Ende des 19. Jahrhunderts grundlegend. 1891 zogen die Padres
der Kongregation des Heiligen Herzens Jesu in Lluc ein. Sie übernahmen
die Verwaltung und die liturgischen Aufgaben, die sie bis heute
innehaben.
Gaspar Alemany ist seit nunmehr über 7 Jahren der Prior
der heiligen Stätte. Er betont aber immer wieder den weltlichen
Charakter des Ordens und die Bedeutung von Lluc für die Bevölkerung.
Tatsächlich ist der Wallfahrtsort das Sinnbild der mallorquinischen
Identitätsstiftung. Nicht zu vergessen ist in diesem Zusammenhang
auch, dass das Santueri de Lluc während der fast 40 jährigen
Franco-Diktatur eine der wichtigsten Schutzzonen auf der Insel war,
innerhalb derer relativ gefahrlos die eigene Sprache und Kultur
gepflegt werden konnten. Kein Büttel der Falangisten hätte
es jemals gewagt, die Existenz dieses Freiraums zu beenden.
Brauchtum und Festkultur
Jedes Jahr im September treffen sich in den grossen Hainen
von Lluc Tausende von Mallorquinern. Diese Zusammenkunft mit einer
riesigen Paella und dem eigenen Grillen steht für die meisten
in ihrer Bedeutung kaum der Diada de Mallorca nach.
Das andere wichtige Ereignis findet seit 23 Jahren immer im heissesten
Monat , dem August, statt: der Des Güell al Lluc a peu.
In Sommer 2000 machten sich 15.000 Pilger auf den langen und anstrengenden
Marsch von Palma nach Lluc. Die Motivation für dieses Opfer
kann für die Teilnehmer verschiedene Hintergründe haben:
Die einen erbitten sich von dem Allmächtigen Hilfe bei der
Bewältigung schwerwiegender Probleme. Andere büssen auf
der fast 50 Kilometer langen Strecke mehr oder minder schwere Sünden
und Verfehlungen ab. Viele nehmen die Strapazen aber einfach aus
tiefer Frömmigkeit und aus verzückter Verehrung der Schwarzen
Madonna auf sich.
Prior Gaspar Alemany ist sichtlich stolz auf das mächtige
Minidorf. Pro Jahr finden fast 1 Million Besucher den Weg in das
Pilgerzentrum. Der Prior und die Glaubensgemeinschaft aus nur 6
Priestern fragen nicht nach einem Pass oder dem richtigen Religionsbekenntnis.
Sie bieten in 150 Zimmern Übernachtungen an. Viele Wanderer
nutzen dankbar diese Möglichkeit.
Das Internat von Lluc ist eine der besten Ausbildungsadressen
auf der Insel. Der Unterricht erfolgt in der Primär- und Sekundarstufe.
Die Musik- und Gesangschule mit ihrem Knabenchor geniesst weit über
Mallorca hinaus hohes Ansehen. Die Blauets, die Bläulinge,
wie die Sängerknaben wegen ihrem blauen Uniformkragen genannt
werden, huldigen mit ihren durchdringenden Stimmen nicht nur der
Nostra Senyora; sie erinnern auch immer an den kleinen Hirtenjungen
Lluc, ohne dessen wundersame Erlebnisse es das Santueri gar nicht
geben würde.
Das Museum von Lluc wurde 1952 eröffnet und zeigt in
fünf grosszügig ausgelegten Sälen Kunstwerke, die
nach Themenbereichen aufgegliedert sind. Die Exponate umfassen Relikte
aus der Vorgeschichte, religiöse Figuren, balearische Trachten,
Keramik, Malerei und die Bildersammlung des katalanischen Malers
Coll Bardolet.
Am Abend, wenn die Busse und Autos der Touristen weggefahren
sind, ist von der hektischen Betriebsamkeit nichts mehr zu spüren,
die sich den ganzen Tag über den heiligen Ort ausgebreitet
hat. Lluc versinkt in eine würdige Ruhe, die allenfalls von
den Logisgästen bei einem Rundgang über den Pilgerplatz
durchbrochen wird. Die dezente und wohlgesetzte Beleuchtung erzeugt
mit der wechselvollen Wahrnehmung von düsteren Mauern und nur
schemenhaft erkennbaren Bäumen, Brunnen und Statuen ein beklommenes
Gefühl. Die els porxets, die 1568 erbaute alte
Herberge mit ihren Tiertränken, dem langen Säulengang
und ihrem aufgestockten Zellengeländer löst bei Nacht
fast schon mystische Vorstellungen aus. Zum emotionalen Blackout
fehlen nur noch die Gregorianischen Gesänge.
Es ist kein Wunder, dass Gustave Doré, der grosse
französische Illustrator der Weltliteratur, im 19. Jahrhundert
nach Lluc kam, um Landschaftsskizzen für Dantes Fegefeuer
zu entwerfen. In der Tat können das nicht weit entfernt liegende
Meer mit seiner phantastisch aufgetürmten Felsenküste,
die in naher Nachbarschaft beginnende Schlucht Torrent de
Pareis mit ihren erdrückenden Steilwänden, das sich
unmittelbar hinter Lluc ausbreitende Tal Valle de Albarca
mit seiner scheuen Andeutung des Schlaraffenlandes und der als mächtiger
Schutzwall aufragende Berg Puig Roig die Vorstellungskraft in die
Richtung der beiden Extreme Paradies und Hölle beflügeln.
Die Trennung von Kirche und Staat erzeugt nicht immer Weltoffenheit
und Toleranz. Dass ein Bürgermeisteramt einer Gemeinde in einem
Kloster untergebracht ist, gibt es auf Erden vergleichsweise selten.
Die Kommune Escorca ist eine der Ausnahmen. Sie hat die Verwaltung ihrer derzeit ca. 290 Einwohner
im Kloster Lluc angesiedelt. Fast könnte man deswegen von einem
Modell für das Arrangement von Himmel und Erde, von Gemeinwesen
und Religionsgemeinschaft sprechen.
Aufgeschlossenheit, Aufgeklärtheit
und Freiherzigkeit pulsieren durch die Klosteranlage und lassen
selbst die altehrwürdigen Mauern lebendig werden.
Einwohner 2007 (Escora): 290
Quelle: LEBEN auf den Balearen Die
Zeitschrift in deutscher Sprache