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© Klaus Siepmann
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Vor über 2000 Jahren eroberte Quintus Caecilius Metellus mit
seiner Flotte Mallorca. Als eine seiner ersten Amtshandlungen gründete
der römische Konsul die Stadt Palma. Nach den Römern kamen Vandalen,
Byzantiner, Araber, Pisaner, Bourbonen, Katalanen. Und mit ihnen ihre
Baumeister, die auf den Balearen, vor allem in Palma, ihre Spuren hinterließen
und somit eine der schönsten Städte Europas gestalteten.
Wir stöberten in Palmas "casco antiguo" und entdeckten
zwischen der Kathedrale und der Basilika de Sant Francesc ein Stück
authentisches Mallorca, dessen Tage jedoch langsam gezählt sein dürften.
"Como siempre?" Fernando Jorge Tarragón begrüßt
fast alle Kunden mit den gleichen Worten: Wie immer? Ein simples "si"
reicht dem Friseur, um zu wissen, welchen Schnitt sein Gast bevorzugt.
Denn die Männer, die sich auf einen der drei gußeisernen Frisierstühle
mit den durchgesessenen roten Sitzpolstern den weißen Plastikumhang
umlegen lassen, kommen meistens nicht das erste Mal in den Salon am Plaça
de Santa Eulalia. "Das meiste sind Stammkunden. Nicht selten habe
ich auch schon den Vätern oder den Urgroßvätern das Haar
gestutzt", sagt Fernando, nicht ohne einen gewissen Stolz über
die Treue seiner Kunden durchklingen zu lassen.
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© Volker Dannemann
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Der 74jährige Friseurmeister schnibbelt seit immerhin 43 Jahren
im 1932 gebauten Eckhaus am Plaça de Santa Eulalia Menschen aus
allen Schichten die Haare. "Hier saßen unzählige Prominente,
Fernsehstars, Fotomodelle und Politiker wie z.B. Jaume Matas." Den
ehemaligen Ministerpräsidenten der Balearen traf Fernando auch schon
außerhalb seines Salons, im Casino von Palma. Denn dort überreichte
Matas ihm den "Premi D'or" und damit die höchste Auszeichnung
der spanischen Frisörinnung. Ein Farbfoto an der Wand des drei mal
sechs Meter großen Ladens, in dem sich seit der Eröffnung nichts
verändert zu haben scheint, dokumentiert den großen Augenblick
in Fernandos Leben.
Doch nicht nur in der Peluqueria scheint die Zeit stehen geblieben
zu sein. Das ganze Viertel ist ein Zeitdokument vergangener Jahrhunderte.
Die meisten alten Häuser, die die engen Gassen säumen, sind
noch im Urstand. Grau bis schwarz die Fassaden, von der Zeit gezeichnet.
In den Parterre-Wohnungen haben noch zahlreiche Handwerker ihre Werkstätten
wie z. B. Schuster, Polsterer, Tischler, Rahmenbauer oder Friseure. Unbeirrt
von Touristenstrom und Durchgangsverkehr gehen sie, meist bei offenen
Türen, emsig ihrer täglichen Arbeit nach. Gleich nebenan, eher
unscheinbar, die vielen kleinen Bars, voller mallorquinischer Männer,
die vorbeischlendernden Touristen eher skeptisch betrachtend. Ihre Frauen
steuern andere Häuser an: die kleinen labyrinthartigen Tante Emma
Läden, prall gefüllt mit einem scheinbar unerschöpflichen
Sortiment - von der über der Registrier-Kasse baumelnden Sobrasada
bis zur Mausefalle, die bereits vor über 20 Jahren hergestellt worden
sein muß. Diese Geschäfte können mit den ofertas der Carrefours
und Syps zwar nicht konkurrieren, dafür wird fast jeder Kunde freundlich
mit Namen begrüßt. Ein kleines Schwätzchen ist im Preis
natürlich mit inbegriffen, allerdings nur auf Mallorquin.
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© respective
owner
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Doch die scheinbale Idylle des Viertels trügt. Denn es gibt
ein ein Problem, das die Bewohner ganz gewaltig stört: "Der
Verkehr. Seit Jahren hat er im casco ständig zugenommen, und eine
Beruhigung ist nicht in Sicht", sagt Pedro, der seit seiner Geburt
hier lebt. Das liege vor allem daran, weil man in Palma noch mit dem Auto
mitten ins Zentrum kutschieren kann. Durch Einbahnstraßen wird der
Verkehr durch die ganze Altstadt geleitet. Anwohner und Touristen, die
von den Avenidas kommen, biegen am Plaza Porta D'es Camp in den historischen
Kern ein.
Die kurvenreiche Ralley führt durch die Carrers Antoni Planas,
Temple und Ramon Llull zunächst zum Plaça de Santa Eulalia.
Mofas und Mopeds düsen gleich weiter. Autos drehen einige Runden
um den Platz, meist vergeblich, um einen der begehrten Parkplätze
zu ergattern. Weiter geht's durch den schmalen Convent de Sant Francesc,
auf dem die zahlreichen Fußgänger an den Hauswänden kleben,
um nicht von einem Wagen erfaßt zu werden, zum Santa Eulalia. Hier
gibt's auch nur 30 Parkplätze, die eigentlich durch die beschränkte
Parkdauer alle 90 Minuten ihren Besitzer wechseln sollten. Wer wieder
nichts findet, kurvt eben weiter: zurück zum Sant Francesc... . Nach
jeder Runde steigt zwar die Frustration. Die Wahrscheinlichkeit, das Blechgefährt
legal abzustellen, bleibt jedoch gleich. Da aus der anderen Richtung über
den Plaça Cort genauso viele Fahrzeuge den Plaça de Santa
Eulalia passieren, ist das mittlere bis große tägliche Verkehrschaos
perfekt, das Fernando schon verinnerlicht zu haben scheint: "Den
Lärm höre ich gar nicht mehr."
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© respective owner
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Nahezu zum Erliegen kommt der Verkehr zweimal täglich am Plaça
de Sant Francesc: gegen neun Uhr morgens und am späten Nachmittag
gegen sechs. Denn dann ist Schulanfang bzw. -ende am Colegio, und zahlreiche
Eltern liefern ihre Zöglinge dort ab oder wollen sie wieder abholen.
Auf diese halb privatisierte Schule gehen die Kinder aus den besser situierten
Familien Palmas. Sie hat den Ruf, daß sie erzkonservativ ist, das
Lehrpersonal bestand bis vor nicht allzu langer Zeit vornehmlich aus katholischen
Priestern.
Vor mehr als 500 Jahren, lange vor der Erfindung des Autos, gab es schon
mal ein vergleichbares Gedrängel auf diesem Platz. Denn 1490 trugen
hier die Amadans und die Espanyls, zwei der mächtigsten und einflußreichsten
Familien Palmas, eine Fehde aus. Insgesamt gingen 300 Leute aus beiden
Sippen aufeinander los, mit Knüppeln und anderen Schlagutensilien
bewaffnet. Die Anzahl der Verletzten nach diesem Gemetzel ist bis zum
heutigen Zeitpunkt genauso unbekannt wie die Ursache, worum es bei den
Streitigkeiten überhaupt ging.
Zehn Jahre zuvor wurde hier 1480 in der Basilika von Sant Francesc
Mallorcas berühmtester Sohn, der Philosoph und Missionär Ramón
Llull, in einem eigens für ihn errichteten Grabmal beigesetzt. Diese
gotische Kirche wurde von den Franziskanern 1281 erbaut und erhielt zwischen
1618 und 1700 eine Barrock-Fassade. Das zur Kirche gehörende Kloster,
das im 14. Jahrhundert fertiggestellt wurde, ist zum bereits erwähnten
Colegio umfunktioniert worden. Der spätgotische Kreuzgang der heutigen
Schule gehört zu den bedeutendsten Palmas. 115 Säulen mit zierlichen
Spitz- und Kleeblattbögen säumen den trapezförmigen Innenhof,
der durch einen schmiedeeisenen Brunnen verschönert wird.
Nicht weniger einducksvoll ist die 100 Meter entfernte Kirche von
Santa Eulalia, die zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert erbaut wurde.
Sie war eine der ersten Pfarrkirchen, die nach der Eroberung der Katalanen
gegründet wurde. Mit Ausnahme der Kathedrale ist sie die einzige
dreischiffige Kirche gotischen Baustils auf Mallorca. Die Hauptfassade
wurde von 1894 bis 1924 kunstvoll erneuert.
Fernando, der sich erstmal eine Zigarette anzündet, während
er mein Haar stutzt, betritt selten in Kirche gegenüber seines Ladens.
Ihn zieht es mehr ins Fußballstadion. Seit fast 20 Jahren besitzt
er eine Dauerkarte von Real Mallorca, hat fast keine Partie versäumt.
Nach dem Fönen erhebe ich mich aus dem Stuhl mit der "Imperator"-Fußstütze
und bin erstaunt, daß man in so einem alten Laden einen topmodernen
Schnitt verpaßt bekommt. Fernando klärt mich auf: "Ich
kann jede gewünschte Frisur kreieren. Denn jede Haarmode wiederholt
sich nach einiger Zeit." Diese Regelmäßigkeit trifft in
der Architektur nur bedingt zu. Kaum denkbar, daß in Zukunft noch
einmal Kirchen gebaut werden wie Santa Eulalia, Sant Francesc oder wie
Palmas Wahrzeichen: die Kathedrale - "La Seu". Sie ist im wesentlichen
ein Bauwerk, das der Gotik zugeordnet wird. Auch wenn ihr Hauptportal,
das im Jahre 1601 fertiggestellt wurde, der späten Rennaissance zugeordnet
wird. Prunkstück ist jedoch die Südfassade von "La Seu".
Die dem Meer zugewandte Seite, die durch das Wechselspiel von verschieden
großen mit Fialen verzierten Strebefeilern charakterisiert wird
und jeden Betrachter verzaubert. Besonders wenn sie sich im künstlich
angelegten See des Parc de la Mar widerspiegelt oder nachts, wenn die
Spitzen der Kathedrale magisch im Mondlicht glänzen.
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© Klaus Siepmann
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Hier wurde auch die Stadt Palma gegründet. Gegenüber
der Kathedrale auf der Anhöhe, auf der sich heute der Almudaina-Palast
befindet. Der islamische Palast wurde innerhalb der ersten von Quintus
Metellus im Jahre 123 v. Chr. gegründeten römischen Siedlung
Palmas errichtet. Als der arabische Kaufmann Al Hawlani, vom König
von Córdoba bevollmächtigt, die Balearen 902 nach Chr. besetzte,
wurde er der erste maurische Gouverneur auf Mallorca. Als Wohnsitz wählte
er sich den Almudaina-Palast. Genauso taten es alle folgenden Gouverneure.
Gelegentlich wird der Palast noch von herrschaftlichem Glanz erfüllt.
Denn Spaniens König nutzt ihn bei seinen Mallorca-Besuchen noch für
Empfänge. Ansonsten wird der Nordflügel vom Militär bewohnt.
Der andere Teil ist als Museum der Öffentlichkeit zugänglich
gemacht worden.
Die 500 Jahre andauernde Herrschaft der Mauren brachte der Insel
kulturelle Blüte. Viel ist davon aber nicht mehr zu sehen. Denn die
nachfolgenden "Insel-Besetzer" zerstörten viele Zeugnisse
islamischer Baukunst. Die drei Moscheen, die der letzte maurische Gouverneuer
Abu Yahya errichten ließ, wurden zum Beispiel von den Christen dem
Erdboden gleichgemacht. Nur die Fundamente der zerstörten Moscheen
wurden weiterverwertet. Darauf stehen jetzt die Kathedrale sowie die Kirchen
von Sant Miguel und Santa Eulalia. Und vielleicht gab es am Plaça
de Santa Eulalia in den vergangenen 2000 Jahren schon einmal ein Friseurgeschäft,
das wieder abgerissen wurde. Auf dessen Fundament schnibbelt Fernando
wahrscheinlich seit mehr als 40 Jahren Haare.
Einwohner 2007: 383.107
Quelle: LEBEN auf den Balearen Die
Zeitschrift in deutscher Sprache