Eigentlich sind Inseln eher rund und haben daher weder Anfang noch
Ende. Das trifft im Prinzip auch auf Mallorca zu. Trotzdem kann man bei
genauerer Erforschung dieses Eilands feststellen, daß es an einigen
Stellen nicht mehr weiter zu gehen scheint. So wie zum Beispiel in Sant
Telm. Der Ort, der am Ende eines langen Tals im Südwesten Mallorcas
liegt. Oder wie einer der rund 200 Bewohner es ausdrückt: El
último rincón de Mallorca, was frei übersetzt
heisst die hinterste Ecke von Mallorca.
Dieser Winkel, das Westkap von Mallorca, ist der erste Zipfel,
den man sieht, wenn man die Baleareninsel vom spanischen Festland aus
mit dem Schiff ansteuert. Als allererstes sieht man jedoch eine vorgelagerte
Insel: Sa Dragonera, die Dracheninsel.
Die Dracheninsel
Die Isla und der kleine Küstenort, die beide meistens
in einem Atemzug genannt werden, verbindet eine symbiotische Beziehung.Sa
Dragonera ist auf den kleinen Hafen und die Boote aus Sant Telm
angewiesen. Und das kleine Dorf profitiert davon, dass jährlich
Tausende von Touristen den Weg durchs Tal finden, um auf die vorgelagerte
Insel zu fahren.
Für die Überfahrt ist Pepe verantwortlich. Mit
seinem kleinen Fischerboot Margarita, an dessen Bug
eine pralle Meerjungfrau gepinselt ist, braucht man etwa 20 Minuten
für eine Tour. Bei starkem Wellengang verlängert sich
schon mal die Fahrt, während die Besatzung von Minute zu Minute
merklich ruhiger wird. Pepe ist zwar in Sant Telm geboren. Jetzt
wohnt er aber in Palma, fährt jeden Tag eine dreiviertel Stunde
mit dem Auto zur Arbeit. Ich habe eine dreizehnjährige
Tochter. Der ist es hier zu langweilig. Vor allem im Winter ist
der Ort ziemlich ausgestorben, sagt der Kapitän, der
keine Ausnahme darstellt. Denn viele Menschen, die hier arbeiten,
wohnen woanders. Die stämmige mallorquinische Besitzerin vom
Hamburguesa-Laden sagt auch warum: Aquí es el último
rincón... Doch sie will sich nicht beklagen: Wir
leben schliesslich nicht schlecht vom Tourismus.
Auf den haben sich auch die beiden kleinen Tante Emma-Läden
voll und ganz eingestellt. Das Angebot von Gemüse, Wurst, Käse
und anderen Lebensmitteln ist eher dürftig. Dafür türmen
sich in den Regalen die Wein- und Likörflaschen. In den Wintermonaten,
wenn keine Urlauber kommen, bleibt der Laden geschlossen.
Wasser
Früher war Sant Telm einmal ein idyllisches Fischerdörfchen.
Ein paar kleine Häuschen am Plaça de na Caragola
deuten noch darauf hin. Doch die Zeiten sind vorbei. In der schönen
Bucht ankern zwar noch einige Fischerbötchen. Einen hauptberuflichen
Fischer gibt es aber schon lange nicht mehr. Der Wandel wird eindrucksvoll
durch La Nina ausgedrückt. Das ist ein Fischerboot
mit der kaum lesbaren Nummer PM 1934 - 92 - 7. Es liegt in einem
kleinen verwilderten Garten und hat seit Jahren keinen Tropfen Wasser
unterm Kiel gehabt.
Doch nicht nur die kleine Barkasse leidet unter Wassermangel.
Sondern die ganze Region, denn der Südwesten Mallorcas zählt
zu den trockensten Gegenden der Insel. Deshalb ist die Waldbrandgefahr
hier auch besonders gross. Noch immer haben die Bewohner nicht die
Katastrophe vor fünf Jahren vergessen. Da vernichtete ein riesiges
Feuer über 1.300 Hektar Natur. Darunter auch das Naturschutzgebiet
La Trapa. Aber zum Glück reichte das Feuer nicht ganz an Sant
Telm heran. So ist in dem Tal noch eine üppige Vegetation zu
bewundern, wie sie sonst wohl nirgends auf Mallorca zu finden ist.
Man wird unweigerlich ans Valle Gran Rey auf der Kanareninsel La
Gomera erinnert. Es fehlen nur noch die Bananenplantagen.
Feuer
Doch es besteht jeden Sommer erneut Feuergefahr Alarmstufe
rot. Vor allem durch fahrlässiges Verhalten der Menschen. Dabei
kann schon eine unachtsam auf den Boden geworfene Glassscherbe einen
Brand entfachen. Von einer Zigarettenkippe ganz zu schweigen. Deshalb
warnen auf der Strasse von Andratx über SArraco nach
Sant Telm auch zahlreiche Schilder: Prohibit encendre Foc
oder Sie befinden sich in einer Zone mit erhöhter Waldbrandgefahr.
Strand
Die Gefahr ist erst beendet, wenn man in Sant Telm angekommen
ist. Denn dann stösst man direkt zum Strand der weiten offenen
Bucht. Hier tummeln sich die sonnenhungrigen Touristen am weissen
Sandstrand. Dazwischen skurril verwachsene Pinien, die bei der Morgengymnastik
erstarrt zu sein scheinen. Wo die ganzen Urlauber wohnen, wird einem
klar, wenn man vom offenen mehr den Blick nach links in die Berge
schwenkt. Da sind nämlich über hundert Apartments in die
Felsen gebaut. Viel schöner ist die Aussicht in die andere
Richung. Auf Sa Dragonera und auf die mächtigen Felsklippen
am Ende Sant Telms. El último rincón von
Mallorca.
Quelle: LEBEN auf den Balearen Die
Zeitschrift in deutscher Sprache