Alles ist Evolution spricht Bartolomeu
Mulet, der cura von Sineu. ´Ein wandelndes Geschichtsbuch´
nennen sie ihn im Dorf und das nicht nur wegen seiner philosophischen
Bemerkungen oder der Tatsache, daß er drei Bücher geschrieben
hätte: Es ist, als trage Mulet alle Erinnerungen Sineus unter schwarzer
Soutane im Herzen. Beim Gespräch mit ihm wird in allen Schattierungen
die Arbeit der pagesos auf dem glühenden Feld lebendig, das ostentative
Leben der königlichen Bürokraten, die Zeit der Konvente und
Paläste - und immer wieder das Maß aller Dinge im Leben Sineus:
Ein Bronzekessel, der wie ein Prägesiegel die Geschichte der sarazenischen
Siedlung Sixneu bestimmen sollte: Die barcella.
...das goldene Herz der Insel
Gerade nämlich hatte der katalanische Eroberer Jaime
I. nach dem Sieg über die Araber das Schwert weggesteckt, da
hoben seine Getreuen in Sineu dieses Getreidemaß aus der Taufe,
eine kuriose neue Einheit von umgerechnet exakt 11,6 Litern. Darin
zollten die Sineuers fortan der königlichen Wirtschaft ihren
Tribut, und zwar reichlich. Der Aufstieg des Dorfes zur Verwaltungsbastion
des mallorquini-schen Plà war damit vorbestimmt. Denn in
den Bronzekesseln, den barcelles wog goldenes Korn, im Mittelalter
eine besonders begehrte Währungsreserve.
Als die christlichen Eroberer in Sineu einmarschiert waren,
fanden sie einen Garten vor: In drei Jahrhunderten hatten die Araber
blühende Obst und Gemüseplantagen in Sineu angelegt und
weit weg vom großen Zeitgeschehen für den familiären
Eigenbedarf gewirtschaftet und gehandelt. Aus jener Epoche lebt
noch heute der quirlige Mittwochsmarkt von Sineu weiter, der älteste
der Balearen. Zur Zeit der Araber hiess er Souk al Arba a,
nach der Rekonquista wurde er nahtlos weitergeführt und erhielt
1303 königliche Privilegien.
Für die Araber selbst allerdings begann nach der christlichen
Eroberung der kulturelle und wirtschaftliche Abschied von der Bühne:
Denn Jaime I. hatte 1229 seinen Mitstreitern vor dem Feldzug auf
die Balearen satte Anteile an der Beute versprochen und Wort gehalten:
In Sineu wanderten etliche Güter aus der Hand von Zeitgenossen
namens Abu Amet, Ben Nazar oder Beni Hadet an katalanische Noble
aus Montpellier, Terassa oder Girona. Damit kam neben der Getreidekultur
auch eine überaus kreative Steuerschraube in Gang.
Zum Wohle des Reiches zahlten die Bürger die drets reials,
die königlichen Rechte, und zwar auf alles, was eben möglich
war: Auf Haus, Acker, Mühle oder Sklaven und Knechte. Sehr
gefürchtet waren auch die talls , mehr oder weniger spontane
Gemeindeumlagen, die erhoben wurden, wenn den Oberen Geld oder Getreide
ausgingen.
An der Tagesordnung waren die delmes, eine Abgabe auf Getreide,
Vieh oder Gemüse. Diese mussten sowohl an Bischof als auch
König abgeführt werden und betrugen häufig bis zu
einem Drittel des Wertes der produzierten Güter. Damit hatten
in Sineu vor allem die pagesos, zumeist Getreidebauern, die Hauptlast
der Abgaben zu tragen. Nach königlichem und bischöflichem
Dekret durfte im 13. Jahrhundert niemand an die Ernte gehen, bevor
nicht der taxador, der Steuerschätzer auf dem Felde erschienen
war, um dort nach Festsetzug der Saisonpreise die Abgaben zu fixieren.
Der Obulus konnte in Pfund (Lliure) oder Sous gezahlt werden; meist
aber ging die Abgabe als Naturalie direkt in die barcella, und von
dort in den öffentlichen Kornspeicher Sineus, die quartera.
el coll...
Natürlich gab es ein dichtes Netz an Kontrollen: Den
Mostassaf, für die Überwachung der Maße, den taxador
für die Schätzung der Abgabenhöhe - und natürlich
die barcella, als Maß aller Dinge. Wie heute auch, so wurde
damals fleißig geschummelt, oft von den Kontrolleuren selbst:
Dem Mostassaf wird mitgeteilt, daß der Kirchenvikar
eine gefälschte barcella besitzt, empörte sich ein
Sineuer im April 1342. Peinlich für den Kirchenmann, denn wer
im Sineu des Mittelalters mit dem lebensnotwendigen Getreide schacherte,
dem wurden in der Regel die Ohren abgeschnitten. Bei Diebstahl drohte
gar die stachelige Halskrause el coll , eine besonders martialische
Todesstrafe.
Die pagesos wurden übrigens in Sineu besonders geschützt
und hatten fast so etwas wie einen Diplomatenstatus, kein Bauer
des Dorfes durfte im 14. Jahrhundert angeklagt oder festgenommen
werden, es sei denn er hatte ein sehr schweres Verbrechen begangen.
Die Sorge ist nur zu verständlich: Denn Pest und etliche Jahre
der Dürre haben in Sineu und damit in ganz Mallorca bis in
die jüngste Vergan-genheit hinein immer wieder zu chronischer
Unterversorgung mit Getreide geführt. Auch wenn die pagesos
in Sineu lebenswichtig waren: Sozial ging es ihnen meistens sehr
bescheiden. So hatte sich im 15. Jahrhundert eine betuchte Verwalter-
und Hand-werkerschicht um den lukrativen Handelsplatz gebildet,
es gab einige reiche Grossgrundbesitzer, deren Häuser noch
heute von der alten Herrlichkeit künden. Diese Kasten, zumeist
unter wenigen Familien, den notables, aufgeteilt, waren vor allem
sehr schlau, wenn es darum ging, die barcella auf dem Rücken
der pagesos zu füllen.
pagesos...
Eine Studie der Universität Palma kommt zu dem Schluß,
daß noch bis ins vergangene Jahrhundert die Kommunalpolitik
der Notablen in Sineu darin bestand, das Zahlen der verschiedenen
Steuern von Staatsseite auf die anderen sozialen Schichten in der
Gemeinde umzuleiten.
Die anderen, die pagesos, fristeten der Studie zufolge
ein wenig erbauliches Dasein: Sie lebten wie Tagelöhner,
die von der saisonalen Arbeitskraftnachfrage der großen Grundbesitzer
abhingen und einen kleinen Landanteil besaßen, der ihnen den
Eigenbedarf in Krisenzeiten sicherte. Zahlen belegen dies
nachdrücklich: Lediglich 6 Prozent der Bevölkerung, in
der Regel Großgrundbesitzer, kontrollierten in Sineu rund
drei Viertel der Landmasse, während 94 Prozent, Kleinbauern
zumeist, sich mit einem Viertel am Flächenanteil begnügen
mußten. Zwar zogen die pagesos 1451 in Scharen aus dem Dorf,
um gegen die verhaßten Steuerbüttel des Königreiches
zu revoltieren. Doch diesen Mut büßten sie mit drakonischen
Strafen, die barcella blieb immer die barcella und musste gefüllt
werden.
Das Maß aller Dinge
Heute befindet sich Sineus Maß aller Dinge
sorgsam gehütet im Gemeindearchiv. Denn was vom Feld in den
Speicher kommt, bestimmt schon lange nicht mehr Sineus Universum.
Wenn noch Kreuzfahrer das Wirtschaftsleben ankurbeln, dann kommen
diese mit dem gemieteten Opel Corsa, um in einem der 17 (!) Restaurants
des 2600-Seelen-Dorfes den Sineu-typischen frito zu probieren. Der
Marktflecken liegt zwar geografisch immer noch im Herzen Mallorcas,
aber seine dominierende Rolle als feudale Kornkammer gehört
der Vergangenheit an: Die agrarische Monokultur ist heute einem
Gewebe aus Einzelhandel, Handwerk und steinverarbeitenden Betrieben
gewichen, seine Rolle als Umschlagplatz des ländlichen Lebens
zeigt Sineu allerdings noch beim pittoresken Mittwoch-Markt.
Schlecht scheint es den Sineuers dabei nicht zu gehen, denn nach
Worten seines Bürgermeisters, Andreu Matas Jaume, gibt es im
Dorf sechs Bankfilialen und ein 200 Mitglieder zählenden Verband
kleiner und mittelständischer Unternehmer, untrügliches
Zeichen für den Wohlstand seiner Bürger. Auch scheint
die Jugend Sineus nach einer grossen Abwanderungswelle in den 70er
Jahren das Dorf wiederentdeckt zu haben, Handwerk und Handel kommen
wieder in Mode. Warum das so ist, kann sich in Sineu aber auch keiner
so genau erklären.
Alles ist eben in Evolution, würde Pfarrer
Bartolomeu Mulet sagen, dort oben von seinem Fenster aus herunterschauend
auf den Mittwoch-Markt, Relikt aus den Zeiten, als die barcella
noch den Ton angab.
Einwohner 2007: 3.248
Quelle: LEBEN auf den Balearen Die
Zeitschrift in deutscher Sprache