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 © Klaus Siepmann    
Porto Sóller  
Eine Deutsche schreibt über ihr Leben in Sóller

Das schönste Tal der Welt

Eigentlich muß ich es mir nicht bestätigen, aber ich schaue immer wieder sehr gerne in die Zeilen, die Erzherzog Ludwig Salvator von Österreich über Sóller schrieb: “Sóller ist unstreitig die schönste Ortschaft der Insel und ich wage es zu sagen, eine der schönsten der Welt, denn alles findet sich daselbst vereint. Die großartige landschaftliche Schönheit der Umgebung, die Fruchtbarkeit des Bodens, welche mit dem Reichtum an Wasser, das die Hunderte von Bächlein die Anhöhe herunterrieselt, eine in südlicher Fülle strotzende Vegetation hervorbringt, ist verbunden mit der belebenden mit Orangenduft erfüllten Luft, mit dem klaren, sonnigen Himmel und dem milden, gesunden Klima. Die gewissenhafte Reinlichkeit der Ortschaft und die zuvorkommende Freundlichkeit ihrer Bewohner vereinigt sich mit den Annehmlichkeiten, welche die Nachbarschaft des Meeres und des einzig guten Hafens der Nordküste gewährt. Ja, es ist einer jener Orte um derentwillen man sich gerne vom Dämon des Wanderns befreien möchte, um daselbst in ungestörter Ruhe zu verweilen.”

Das Haus des Matthäus mit den Kühen...

Vor 113 Jahren wurde das mit viel Wärme und Begeisterung geschrieben. Ich wohne hier, ich lebe ich hier, in diesem schönen, gemütlichen, herrlichen Sóller. Mein Mann ruht bereits auf dem Friedhof, mein Kind geht hier in die Schule. Uns alle machte das Dorf, als wir kamen, zu Sollerenses, zu einem von ihnen. Alle Schönheiten und Freuden Bayerns, mein vertrautes München, gab ich auf, um auf einer 500 Jahre alten Finca gegen tropische Regenfälle, glühende Sommerhitze, nasse Mauern, rauchende Kaminfeuer und wucherndes Unkraut zu kämpfen. Aber auch, um frisch gepflückte Tomaten und Bohnen von unserem Acker zu schmecken, in Mainächten den Nachtigallen zuzuhören und meine Liebe zu aller Kreatur zu leben.

Bereits 1967 gekauft, wurde Can Mateo de ses Vaques (Das Haus des Matthäus mit den Kühen) vor zehn Jahren unser Zuhause. Heute teilen meine zwölfjährige Tochter und ich dieses Daheim mit sieben verschiedenrassigen Hunden, einem Katzenvolk, das, je nach armseligen Wesen, die von uns gefunden werden, zwischen zwanzig mehr oder weniger häusliche Exemplaren schwankt, einem Gelbbrustara-Mädchen, als männerfeindlicher Problemvogel von einem Züchter geschenkt, einem Graupapagei, vom Dasein als Dekorationsgegenstand befreit und mit Nymphen und Wellensittichen, Kanarienvögeln und Zebrafinken, mit Meerschweinchen, Enten und Hühnern.

Ja, in Sóller zu leben, heißt nämlich Zeit haben. Fast alles kann “mañana”, morgen noch, erledigt werden. Auf den kleinen Straßen und den engen Gassen können sich die Menschen vom Auto aus informieren, wie es der “hija de Maria” (Tochter von Maria) geht oder wann das Holz geliefert wird. Und die sich dahinter bildende Autoschlange wartet geduldig und selbstverständlich. Denn es kann ihnen doch im nächsten Moment ein für sie wichtiger Informationsträger in gleicher Situation begegnen.

In Sóller zu leben...

In Sóller zu leben, heißt fast jeden zu grüßen: Da er einem als Handwerker oder Geschäftsmann bekannt ist oder man mal mit ihm beim Tierarzt zusammen wartete, er ein naher oder entfernter Nachbar ist oder man ihn als Kind mit einem Bonbon getröstet hat.
In Sóller zu leben, heißt, an den Samstagen, wenn `mercadillo´ ist, an der fast feierlichen Stimmung teilzunehmen, zu jeder Jahreszeit im Stammcafé draußen seinen `cortado´ oder `café con leche´ zu genießen und bei den vielen Fiestas über die `plaza´ zu schlendern, Bekannte zu treffen. Und es heißt, sich auf die mostra zu freuen, der großen Mai-Fiesta. Und Ende Juli tanzt vor dem Rathaus gleich die ganze Welt: Folkloregruppen aus Süd- und Nordamerika, aus Asien, vom Festland, aus Rußland und aus China werden dann eingeladen und von Schülern betreut, um ihre Tänze im gemeinsamen Soller-Wohnzimmer, der `plaza´, zu zeigen. Dabei ist man sogar meist unter sich, denn der Tourismus findet am Meer statt, in Puerto Sóller.
In Sóller zu leben, heißt zu wissen, daß alle an deinem Leben teilnehmen - und du natürlich an ihrem. Man kann es natürlich “Klatsch” nennen. Aber es ist doch prickelnd, zu erfahren, daß A. mit B. eine Liebschaft haben soll oder C. über seine Verhältnisse lebt. Ich bin mir jedenfalls sicher: Fahre ich aus irgendeinem Grund ein männliches Wesen wohin - übermorgen weiß jeder, wo der Herr die Nacht verbrachte.
In Sóller zu leben, das heißt drei Monate Sommerferien nach neun Monaten ganztägiger Schule. Da locken die Abende im als schönsten Dorf Spaniens ausgezeichneten Fornalutx, das nächtliche Stimmgewirr dort in spanisch, französisch, englisch und deutsch, die nach Mitternacht ausgelassen tobenden Kinder, diese kleine, übervolle “plaza”. Ja, heiß ist es dann und alle Fenster lassen die Nachtkühle herein. Und der Lachanfall im Morgengrauen, wenn die entzückende kleine Französin aus Frankfurt klagt, daß “Einerisch” (Heinrich) aus Bremen so laut schnarcht, daß die ganze Gasse nicht schlafen kann, gehört auch dazu.
In Soller zu leben als deutsches Kind, das bedeutet, eine menschliche Umgebung zu erfahren - für die Kleinen das Höchste - Sonne, Luft, Meer und Berge - und mit Geburt, Sterben und dem Tod vertraut zu sein, weil es mit allen natürlichen Dingen von Anfang an konfrontiert wird. Kastillisch und katalanisch werden erst auf der Straße, am Strand, und dann im Kindergarten und auf der Schule mühelos erworben. Kinder sind in Sóller von Geburt an immer dabei; ob beim Rock-Konzert, auf dem Fußballplatz, im Restaurant, das man selten vor 21 Uhr zum Abendessen aufsucht oder beim Tanz auf der `plaza´. Kinderwagen mit schlummernden Säuglingen, zufriedene Kleinkinder und tobende Rangen sieht man überall und bis spät in die Nacht.
Doch auch in ernsten Zeiten gehen Kinder über alles: “Nicht meine Tochter hat mir zu danken; ich danke ihr für 25 Jahre Glück.” Das sagte uns einmal Toni, Besitzer unseres Stammcafés, bevor er dieses aufgab, um sich seiner Tochter zu widmen, die zu jenem Zeitpunkt an einer unheilbaren Krankheit litt. Ja, nicht nur Kinder, auch ältere Menschen oder Behinderte, sie gehören dazu in Soller. Versehrte besorgen die Stadtgärtnerei, und mit viel Liebe sieht man Omas und Opas sich um den Nachwuchs der in Palma arbeitenden Eltern kümmern.

von tapferen Frauen

Und wir Frauen von Sóller, wir mögen uns. Kaum eine meiner Nachbarinnen, die in schwieriger Zeit nicht gesagt hätte: “Wenn Du etwas nötig hast, sag es bitte sofort.” Außer einer Handvoll von Damen macht keine den Tanz ums Modekalb mit, frei und selbstbewußt behalten die Sollericas Namen - und Vermögen - bei der Heirat, teilen sich die Arbeit auf den Olivenhainen und Fincas mit ihrem Mann und lassen diesen in den Kneipen unter Männern Mann sein. Später wird halt übers wesentliche geredet. Meiner Nachbarin Margarita etwa haben die männlichen Mitglieder der Familie eine nagelneue Toreinfahrt wieder abgetragen und nach ihren Wünschen neu gebaut, in der sengenden Augusthitze. Sie hatte eben gerade Geburtstag - und da wünscht sie sich fast immer eine schweißtreibenden bauliche Verschönerung ihres eh schon strahlend sauberen Hauses.

Und die valentes donnes, die tapferen Frauen von Sóller werden jedes Jahr zum Maifest neu gekürt und gefeiert. Beim letzten Sarazeneneinfall nämlich haben sie einige Seeräuber erschlagen mit einem heute noch heilig gehaltenen Knüppel. Mehrere Señoras kenne ich, denen traue ich das auch jetzt noch jederzeit zu. Eine davon schob die debattierenden Männer kurzerhand zur Seite, als mein Mann unseren SEAT 600 in den Straßengraben gefahren hatte und hob das Auto einfach wieder auf die Straße - unter anerkennendem Beifall.

Heimweh...

Gut 14.000 Einwohner hat das gesamte Sollertal mit dem Hafen, Fornalutx, Biniaraitx und Binibasi . . . Es ist eine Welt im Kleinen und wenn ich sie kurz verlassen muß, schon auf dem Bergkamm des Coll von Soller habe ich Heimweh. Es gibt kein Leben ohne Sorgen, Kummer und Not, aber alles läßt sich leichter ertragen, wenn da irgendeiner ist, der neben dir steht und dir sagt: “es la vida” - das ist das Leben”. Und wenn dieser Solleric dir leicht auf die Schulter klopft oder Tränen echten Mitleidens in den Augen hat. - Es ist eben nicht nur mit den Augen zu sehen, das schönste Tal der Welt.

Einwohner 2007 (mit Port des Soller): 13.194



 
  
 
 
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