Eigentlich muß ich es mir nicht bestätigen, aber ich
schaue immer wieder sehr gerne in die Zeilen, die Erzherzog Ludwig Salvator
von Österreich über Sóller schrieb: Sóller
ist unstreitig die schönste Ortschaft der Insel und ich wage es zu
sagen, eine der schönsten der Welt, denn alles findet sich daselbst
vereint. Die großartige landschaftliche Schönheit der Umgebung,
die Fruchtbarkeit des Bodens, welche mit dem Reichtum an Wasser, das die
Hunderte von Bächlein die Anhöhe herunterrieselt, eine in südlicher
Fülle strotzende Vegetation hervorbringt, ist verbunden mit der belebenden
mit Orangenduft erfüllten Luft, mit dem klaren, sonnigen Himmel und
dem milden, gesunden Klima. Die gewissenhafte Reinlichkeit der Ortschaft
und die zuvorkommende Freundlichkeit ihrer Bewohner vereinigt sich mit
den Annehmlichkeiten, welche die Nachbarschaft des Meeres und des einzig
guten Hafens der Nordküste gewährt. Ja, es ist einer jener Orte
um derentwillen man sich gerne vom Dämon des Wanderns befreien möchte,
um daselbst in ungestörter Ruhe zu verweilen.
Das Haus des Matthäus mit den Kühen...
Vor 113 Jahren wurde das mit viel Wärme und Begeisterung
geschrieben. Ich wohne hier, ich lebe ich hier, in diesem schönen,
gemütlichen, herrlichen Sóller. Mein Mann ruht bereits
auf dem Friedhof, mein Kind geht hier in die Schule. Uns alle machte
das Dorf, als wir kamen, zu Sollerenses, zu einem von ihnen. Alle
Schönheiten und Freuden Bayerns, mein vertrautes München,
gab ich auf, um auf einer 500 Jahre alten Finca gegen tropische
Regenfälle, glühende Sommerhitze, nasse Mauern, rauchende
Kaminfeuer und wucherndes Unkraut zu kämpfen. Aber auch, um
frisch gepflückte Tomaten und Bohnen von unserem Acker zu schmecken,
in Mainächten den Nachtigallen zuzuhören und meine Liebe
zu aller Kreatur zu leben.
Bereits 1967 gekauft, wurde Can Mateo de ses Vaques (Das
Haus des Matthäus mit den Kühen) vor zehn Jahren unser
Zuhause. Heute teilen meine zwölfjährige Tochter und ich
dieses Daheim mit sieben verschiedenrassigen Hunden, einem Katzenvolk,
das, je nach armseligen Wesen, die von uns gefunden werden, zwischen
zwanzig mehr oder weniger häusliche Exemplaren schwankt, einem
Gelbbrustara-Mädchen, als männerfeindlicher Problemvogel
von einem Züchter geschenkt, einem Graupapagei, vom Dasein
als Dekorationsgegenstand befreit und mit Nymphen und Wellensittichen,
Kanarienvögeln und Zebrafinken, mit Meerschweinchen, Enten
und Hühnern.
Ja, in Sóller zu leben, heißt nämlich Zeit
haben. Fast alles kann mañana, morgen noch, erledigt
werden. Auf den kleinen Straßen und den engen Gassen können
sich die Menschen vom Auto aus informieren, wie es der hija
de Maria (Tochter von Maria) geht oder wann das Holz geliefert
wird. Und die sich dahinter bildende Autoschlange wartet geduldig
und selbstverständlich. Denn es kann ihnen doch im nächsten
Moment ein für sie wichtiger Informationsträger in gleicher
Situation begegnen.
In Sóller zu leben...
In Sóller zu leben, heißt fast jeden zu grüßen:
Da er einem als Handwerker oder Geschäftsmann bekannt ist oder
man mal mit ihm beim Tierarzt zusammen wartete, er ein naher oder
entfernter Nachbar ist oder man ihn als Kind mit einem Bonbon getröstet
hat.
In Sóller zu leben, heißt, an den Samstagen, wenn `mercadillo´
ist, an der fast feierlichen Stimmung teilzunehmen, zu jeder Jahreszeit
im Stammcafé draußen seinen `cortado´ oder `café
con leche´ zu genießen und bei den vielen Fiestas über
die `plaza´ zu schlendern, Bekannte zu treffen. Und es heißt,
sich auf die mostra zu freuen, der großen Mai-Fiesta. Und
Ende Juli tanzt vor dem Rathaus gleich die ganze Welt: Folkloregruppen
aus Süd- und Nordamerika, aus Asien, vom Festland, aus Rußland
und aus China werden dann eingeladen und von Schülern betreut,
um ihre Tänze im gemeinsamen Soller-Wohnzimmer, der `plaza´,
zu zeigen. Dabei ist man sogar meist unter sich, denn der Tourismus
findet am Meer statt, in Puerto Sóller.
In Sóller zu leben, heißt zu wissen, daß alle
an deinem Leben teilnehmen - und du natürlich an ihrem. Man
kann es natürlich Klatsch nennen. Aber es ist doch
prickelnd, zu erfahren, daß A. mit B. eine Liebschaft haben
soll oder C. über seine Verhältnisse lebt. Ich bin mir
jedenfalls sicher: Fahre ich aus irgendeinem Grund ein männliches
Wesen wohin - übermorgen weiß jeder, wo der Herr die
Nacht verbrachte.
In Sóller zu leben, das heißt drei Monate Sommerferien
nach neun Monaten ganztägiger Schule. Da locken die Abende
im als schönsten Dorf Spaniens ausgezeichneten Fornalutx, das
nächtliche Stimmgewirr dort in spanisch, französisch,
englisch und deutsch, die nach Mitternacht ausgelassen tobenden
Kinder, diese kleine, übervolle plaza. Ja, heiß
ist es dann und alle Fenster lassen die Nachtkühle herein.
Und der Lachanfall im Morgengrauen, wenn die entzückende kleine
Französin aus Frankfurt klagt, daß Einerisch
(Heinrich) aus Bremen so laut schnarcht, daß die ganze Gasse
nicht schlafen kann, gehört auch dazu.
In Soller zu leben als deutsches Kind, das bedeutet, eine menschliche
Umgebung zu erfahren - für die Kleinen das Höchste - Sonne,
Luft, Meer und Berge - und mit Geburt, Sterben und dem Tod vertraut
zu sein, weil es mit allen natürlichen Dingen von Anfang an
konfrontiert wird. Kastillisch und katalanisch werden erst auf der
Straße, am Strand, und dann im Kindergarten und auf der Schule
mühelos erworben. Kinder sind in Sóller von Geburt an
immer dabei; ob beim Rock-Konzert, auf dem Fußballplatz, im
Restaurant, das man selten vor 21 Uhr zum Abendessen aufsucht oder
beim Tanz auf der `plaza´. Kinderwagen mit schlummernden Säuglingen,
zufriedene Kleinkinder und tobende Rangen sieht man überall
und bis spät in die Nacht.
Doch auch in ernsten Zeiten gehen Kinder über alles: Nicht
meine Tochter hat mir zu danken; ich danke ihr für 25 Jahre
Glück. Das sagte uns einmal Toni, Besitzer unseres Stammcafés,
bevor er dieses aufgab, um sich seiner Tochter zu widmen, die zu
jenem Zeitpunkt an einer unheilbaren Krankheit litt. Ja, nicht nur
Kinder, auch ältere Menschen oder Behinderte, sie gehören
dazu in Soller. Versehrte besorgen die Stadtgärtnerei, und
mit viel Liebe sieht man Omas und Opas sich um den Nachwuchs der
in Palma arbeitenden Eltern kümmern.
von tapferen Frauen
Und wir Frauen von Sóller, wir mögen uns. Kaum
eine meiner Nachbarinnen, die in schwieriger Zeit nicht gesagt hätte:
Wenn Du etwas nötig hast, sag es bitte sofort.
Außer einer Handvoll von Damen macht keine den Tanz ums Modekalb
mit, frei und selbstbewußt behalten die Sollericas Namen -
und Vermögen - bei der Heirat, teilen sich die Arbeit auf den
Olivenhainen und Fincas mit ihrem Mann und lassen diesen in den
Kneipen unter Männern Mann sein. Später wird halt übers
wesentliche geredet. Meiner Nachbarin Margarita etwa haben die männlichen
Mitglieder der Familie eine nagelneue Toreinfahrt wieder abgetragen
und nach ihren Wünschen neu gebaut, in der sengenden Augusthitze.
Sie hatte eben gerade Geburtstag - und da wünscht sie sich
fast immer eine schweißtreibenden bauliche Verschönerung
ihres eh schon strahlend sauberen Hauses.
Und die valentes donnes, die tapferen Frauen von Sóller
werden jedes Jahr zum Maifest neu gekürt und gefeiert. Beim
letzten Sarazeneneinfall nämlich haben sie einige Seeräuber
erschlagen mit einem heute noch heilig gehaltenen Knüppel.
Mehrere Señoras kenne ich, denen traue ich das auch jetzt
noch jederzeit zu. Eine davon schob die debattierenden Männer
kurzerhand zur Seite, als mein Mann unseren SEAT 600 in den Straßengraben
gefahren hatte und hob das Auto einfach wieder auf die Straße
- unter anerkennendem Beifall.
Heimweh...
Gut 14.000 Einwohner hat das gesamte Sollertal mit dem Hafen, Fornalutx,
Biniaraitx und Binibasi . . . Es ist eine Welt im Kleinen und wenn
ich sie kurz verlassen muß, schon auf dem Bergkamm des Coll
von Soller habe ich Heimweh. Es gibt kein Leben ohne Sorgen, Kummer
und Not, aber alles läßt sich leichter ertragen, wenn
da irgendeiner ist, der neben dir steht und dir sagt: es la
vida - das ist das Leben. Und wenn dieser Solleric dir
leicht auf die Schulter klopft oder Tränen echten Mitleidens
in den Augen hat. - Es ist eben nicht nur mit den Augen zu sehen,
das schönste Tal der Welt.
Einwohner 2007 (mit Port des Soller): 13.194
Quelle: LEBEN auf den Balearen Die
Zeitschrift in deutscher Sprache
(Autor: Ulrike Grimm / Email: ulrikegrimm_soller@yahoo.de)